Start Praxis Wärmedämmung Wärmedämm-Verbundsysteme dreidimensional gestalten

Wärmedämm-Verbundsysteme dreidimensional gestalten

Wenn es um Wärmedämm-Verbundsysteme geht, hört man aus Architektenkreisen häufig Klage über die mangelnden Gestaltungsmöglichkeiten dieser Fassadenkonstruktion. Besonders bei Sanierungen ginge, so der Tenor, der Charakter eines Gebäudes verloren. Das muss aber nicht sein, denn auch mit WDVS sind individuelle und kreative Fassaden möglich.

Tatsächlich sind Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) in der Regel recht einfach anzuschauen: Eine weitgehend glatte Putzoberfläche die eventuell noch über Farben etwas Kreativität mitbekommt. Dabei sind auch dreidimensionale Fassadenflächen – fugenlos verputzt oder mit Naturstein beziehungsweise Keramik belegt – ohne weiteres möglich. So wie beim spätmittelalterlichen Übergang von der Holzbauweise zur Massivbauweise neue Formen und Methoden der Gestaltung von Bauwerken entwickelt wurden, so wird wohl auch das Bauen mit Wärmedämmung Schritt für Schritt seine eigene Ästhetik entfalten. Die Münchener Architekten Faraneh Farnoudi und Andreas Hild untersuchten in einem Forschungsprojekt Gestaltungsmöglichkeiten mit Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS) – und damit die Chance, jedem Gebäude seine eigene Note zu verleihen.

Video von Sto

Fassadendämmsysteme – insbesondere Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) – gehören zu den bestimmenden Baumaterialien unserer Zeit. Nicht, weil sie in ihrem Aufbau und in ihrer Haptik besonders erlesene edle Materialien wären, sondern weil sie energetisch häufig notwendig und unsere Energiereserven leider endlich sind. Dass Wärmedämm-Verbundsysteme gelegentlich für vereinheitlichende Sanierungen von Bestandsgebäuden verantwortlich gemacht werden, hat viel damit zu tun, dass Planer und Handwerker die gestalterischen Möglichkeiten dieser Systeme nicht ausschöpfen. Schließlich gilt auch hier Karl Joseph Schattners Diktum: »Das Material ist in jedem Fall unschuldig.«

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/dreidimensionale-waermedaemmung-wdvs-3.jpg

Aufbauend auf die Ergebnisse des Forschungsprojekts »Modulationsmöglichkeiten der Gebäudeaußenhaut mittels wärmesensitiver Aufnahmeverfahren« von Faraneh Farnoudi und Andreas Hild hat der Baustoffhersteller Sto eine digitale Prozesskette vom Entwurf bis zur industriellen Fertigung des Systems umgesetzt. Damit findet das im Rahmen der Forschungsinitiative Zukunft Bau vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung geförderte Forschungsprojekt seinen Weg in die Praxis.

Konkret wurde seit September 2011 untersucht, inwieweit eine dreidimensionale Modulation der Dämmschicht in der Lage ist, »sowohl die Fassadengestaltung zu individualisieren als auch die Leistung des Systems zu verbessern.« Ausgangspunkt der Überlegungen war der unterschiedliche Wärmedurchgang verschiedener Bauteile einer Bestandsfassade. Wird die Dimensionierung des Dämmstoffs den ungleichen Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Wert) angepasst, entsteht eine Neuordnung der Oberfläche gemäß der Maxime »form follows function«. Die Funktion des Wärmedämm-Verbundsystems bekommt eine äußere Gestalt, »der Energiesparfunktion der gedämmten Fassade wird ein authentischer Ausdruck verliehen.«

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/dreidimensionale-waermedaemmung-wdvs-luzern.jpg

Grundlage für eine Modulation des Dämmsystems ist stets eine Gebäude- beziehungsweise Bestandsanalyse. Die Digitalisierung der Bauzeichnungen und ihr Abgleich mit der aktuellen Situation stehen am Beginn der digitalen Prozesskette. Sind Substanz und Anforderungen bestimmt, folgt eine thermische Analyse, entweder mittels Thermografie oder durch eine Simulation der Wärmeströme. Das daraus abgeleitete digitale Relief ist eine dreidimensionale Umsetzung der Isothermen der existierenden Wärmedurchgänge. Die nun folgende – vom Planer aktiv gesteuerte – Modellierung der Fassade durch Anwendung von Schnittverfahren oder Polygonverformungen führt schließlich zum Entwurf. Ihren Abschluss erfährt die Prozesskette beim Einsatz mehrachsiger Fräsmaschinen, welche die direkt aus dem 3D-Modell generierten Formen aus Dämmplatten (EPS oder PIR) herausarbeiten. Es folgt die Organisation der Logistik, die sicherstellt, dass alle Platten gemäß Verlegeplan gekennzeichnet, in der richtigen Reihenfolge verpackt, zum jeweils richtigen Zeitpunkt auf der Baustelle angeliefert werden. Im letzten Schritt werden die modulierten Dämmtafeln montiert, armiert und verputzt.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/dreidimensionale-waermedaemmung-wdvs-2.jpg

Die Umsetzung des Forschungsprojektes in die industrielle Fertigung fokussierte vor allem die digitale Prozesskette. Mit ihr können die für Entwurf wie auch Produktionsplanung und -steuerung erforderlichen Daten durchgängig digital bearbeitet und ausgetauscht werden. Nur so ist die erforderliche Maßanfertigung wirtschaftlich zu ermöglichen. Den individuellen Entwurf im Maßstab 1:1 zu realisieren, stellt eine besondere Herausforderung dar, schließlich sind Restriktionen des Rohmaterials dabei genauso zu berücksichtigen wie auch die Montage am Objekt. Entstanden ist eine als Gesamtlösung modulierte WDVS als Individuallösungen für kreative Planer.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/dreidimensionale-waermedaemmung-wdvs-4.jpg

Lesen Sie dazu auch unsere Artikel zum Thema »Plastische Fassadenelemente« und »Vorgehängte hinterlüftete Fassaden in der dritten Dimension«.

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Für das außergewöhnliche Projekt King Abdulaziz Center for World Culture im Herzen der saudi-arabischen Ölfelder setzte der Glasfassadenspezialist seele den Entwurf des Architekturbüros Snøhetta in eine Fassade komplett aus Edelstahlrohren um. Nur durch die Verzahnung von modernsten Informationstech...

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Die neue Schweizer Botschaft in der Hauptstadt Kenias bettet sich sanft in die Terrainlandschaft ein. Umfassungsmauer und Baukörper verschmelzen zu einem einheitlichen architektonischen Gebilde, das über hohe räumliche, funktionale und nachhaltige Qualitäten, über repräsentativ und zurückhaltend ges...

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Das Tübinger Hotel Domizil wird von DIA – Dittel Architekten neu gestaltet und saniert. Im Fokus steht eine authentische, moderne Designsprache sowie die Neustrukturierung des Eingangs- und Restaurantbereichs.

Weitere Artikel:

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Mit dem Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom wird das Ensemble der vorhandenen Technik- und Verwaltungsgebäude der Stadtwerke Tübingen komplettiert. Der Entwurf des Büros Steimle Architekten schafft gleichermaßen die Verbindung zum umliegenden Areal aber auch die kontrastierende Wirkung durch die dur...

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

Zur glasstec 2018 in Düsseldorf stellt AGC Interpane viele neue und optimierte Produkte vor, die ganz im Zeichen der Individualität stehen: Sonnenschutzglas mit optimierter Technik und Ästhetik, Aktivglas, das Teile der Fassade farbig leuchten lässt, koloriertes Verbundsicherheitsglas, neue Designgl...

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Der Maersk Tower von C.F. Møller Architects ist ein hochmodernes Forschungsgebäude, dessen innovative Architektur den optimierten Rahmen für erstklassige Gesundheitsforschung schafft und es zu einem gestalterischen Kontrapunkt in Kopenhagen macht. Das Gebäude verbindet die Universität Kopenhagen mit...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter


Ihre E-Mail
 
   

Senden Sie mir die kostenlosen Nachrichten der AZ/Architekturzeitung per E-Mail zu. Meine Anmeldung erfolgt, nachdem ich die Datenschutzhinweise gelesen haben. Die Nachrichten können Werbung von Dritten enthalten. Mein Einverständnis zum Empfang der Nachrichten kann ich jederzeit widerrufen.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Problemzone Wärmebrücke
    Problemzone Wärmebrücke Mit den steigenden Anforderungen an die energetische Qualität von Gebäuden gewinnen Details und damit auch kleine Problemzonen immer mehr an…

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Mit dem Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom wird das Ensemble der vorhandenen Technik- und Verwaltungsgebäude der Stadtwerke Tübingen komplettiert. Der Entwurf des Büros ...

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

Zur glasstec 2018 in Düsseldorf stellt AGC Interpane viele neue und optimierte Produkte vor, die ganz im Zeichen der Individualität stehen: Sonnenschutzglas mit optimiert...

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Der Maersk Tower von C.F. Møller Architects ist ein hochmodernes Forschungsgebäude, dessen innovative Architektur den optimierten Rahmen für erstklassige Gesundheitsforsc...

Restaurierung des alten Gerichtsgebäudes im Andreas Quartier, Düsseldorf

Restaurierung des alten Gerichtsgebäudes im Andreas Quartier, Düsseldorf

Von der ursprünglichen blauen Farbigkeit im Entree des alten Gerichtsgebäudes in Düsseldorf war nicht mehr viel zu sehen. Und auch sonst befanden sich das Gebäudeinnere u...

Innentür mit puristischem Design

Innentür mit puristischem Design

Die Nachfrage nach weißen Innentüren ist ungebrochen. Gleichzeitig steigt das Bedürfnis des Bauherrn nach einem individualisierten Produkt in seinem Zuhause. Die Innentür...

Stadtvilla in Stuttgart von Fuchs Wacker Architekten

Stadtvilla in Stuttgart von Fuchs Wacker Architekten

Die Stadtvilla mit Satteldach liegt in einer reizvollen Höhenlage. Unweit des Zentrums Stuttgarts ist dieses Gebäude eine stille Oase und privater Rückzugsort. In alle Hi...

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Die in Düsseldorf stehende Pfeilerbasilika St. Margareta - ein architektonisches Meisterwerk Ihrer Zeit - wurde zwischen 1220 bis 1230 als Stiftskirche errichtet. Kunstvo...

Betonage von Betondecken

Betonage von Betondecken

Die Waldkraiburger Primo GmbH hat ein weiteres cleveres Zubehörtool für die Betonage von Betondecken entwickelt, auf den Markt gebracht und zum Patent angemeldet: Mit dem...

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Jeder kennt die Sünden der Vergangenheit, als man auf Putzfassaden dicke Farbschichten auftrug, Schimmel und Algen mit giftigen Bioziden fernhalten wollte und sich trotzd...

Laserscannen von Bestandsgebäuden

Laserscannen von Bestandsgebäuden

Architekten, Planer und Ingenieure sind auf maßstabsgerechte Zeichnungen und Modelle angewiesen - sei es für den Umbau, die Neuplanung oder zur Dokumentation bestehender ...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.