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Start Magazin Architektur + Kunst Von twitternden Gebäuden und Medienfassaden - Interview mit Thomas Schielke

Von twitternden Gebäuden und Medienfassaden - Interview mit Thomas Schielke

Im vergangenen Jahrzehnt wurden Medienfassaden ein immer häufiger eingesetztes Element in der urbanen Öffentlichkeit. Sie kreieren einen Dialog zwischen Gebäude (und seinen Besitzern) und den Stadtbewohnern, der von visuellen Eindrücken – überdimensionale Bildschirme zeigen animierte Bilder – bis hin zu tatsächlicher Kommunikation – Medienfassaden zeigen Botschaften, die per etwa per SMS interaktiv geschickt werden können – reichen kann. Thomas Schielke beschäftigt sich mit diesem Phänomen in seinen vielfältigen Facetten.

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Thomas Schielke (*1973) ist Architekt (Studium an der Technischen Universität Darmstadt) und hat sich auf Lichtarchitektur spezialisiert. Mit arclighting.de betreibt er eine Plattform zur Analyse und Design von und mit Architektur und Licht. Zudem entwickelte Schielke einen umfangreichen Online-Ratgeber für Architekturbeleuchtung. Er hält Workshops zum Thema und publiziert international Artikel über Lichtdesing und –technologie. Zudem ist er Autor des Buches »Light Perspectives – between culture and technology«, das die Qualität von Licht, die Beziehung zwischen Licht und Raum und die kulturellen Dimensionen von Licht erforscht.

Vor Kurzem hat Schielke einen Vortrag »Urban Branding: Media Façades and Their Luminous Tweets« im Rahmen eines Gastvortrages an der Harvard Graduate School of Design gehalten: »Brands strive worldwide for distinctive visual identities in the urban landscape. At night they rely on luminous messages ranging from conventionally illuminated signs and billboards up to dynamic luminous architecture for story telling. Therefore, media facades have turned into a fascinating medium to create an architectural image in the nocturnal city.«

Im Interview mit Simone Kraft von deconarch.com erklärt Thomas Schielke, was Lichtarchitektur ist, welche Möglichkeiten Medienfassaden für den Dialog mit der Öffentlichkeit bieten und verrät, wie Gebäude twittern können.

N Building. Tokyo, 2009. Teradadesign Architects, Qosmo. www.qosmo.jp

INTERVIEW

Simone Kraft: Von der Neonschrift auf dem Dach über Urbanscreens bis zur twitternden Fassade – was ist Lichtarchitektur?

Thomas Schielke: Architektur, die sich bewusst mit Tageslicht und Kunstlicht befasst, gehört für mich in die Kategorie der Architekturbeleuchtung. Das lässt sich vergleichen mit Gebäuden, in denen sich Architekten intensiv mit Materialien wie Beton, Holz oder Naturstein beschäftigen. Manchmal entsteht dabei ein unauffälliger, aber selbstverständlicher Ausdruck mit beeindruckender Raumqualität. In ähnlicher Form findet man auch Gebäude vor, in denen ein eher formaler Umgang mit Beleuchtung vorliegt oder die technische Dimension von Beleuchtung mit expressiven Leuchtendetails dominiert. Architekturbeleuchtung umfasst verschiedene Bereiche: Die Planung von Tageslicht, wie beispielsweise aktive und passive Techniken zur Lichtlenkung, die Konzeption der elektrischen Beleuchtung in funktionaler und qualitativer Hinsicht, um Gebäude gut nutzen zu können sowie die szenografische Dimension zur Inszenierung von Architektur.

Mit Licht zu bauen erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit Materie, denn das Licht bleibt unsichtbar, wenn es nicht von Oberflächen reflektiert wird und die Rezeptoren im Auge nicht erreicht. Glasarchitektur stellt eine besondere Herausforderung dar – wenn Glas beleuchtet wird, geht der Lichtstrahl entweder durch das Glas hindurch oder das Licht wird bei einem steilem Einfallswinkel reflektiert wie bei einem Spiegel. Glasarchitektur etwa nachts zum Leuchten zu bringen gelingt selten über die Glasfassade, sondern erfolgt eher über helle Flächen im Innenraum, die nach außen sichtbar werden.

Simone Kraft: Wo wird Lichtarchitektur – oder Architekturbeleuchtung – wie eingesetzt, welche Möglichkeiten eröffnet sie?

Thomas Schielke: Die Lichtarchitektur reicht vom ersten Ausblick am Morgen durch ein Fenster, von einer guten Beleuchtung des Badezimmers bis hin zu einer blendfreien Lichtsituation am Arbeitsplatz oder einer angenehmen Atmosphäre durch Beleuchtung beim Abendessen. Ein Blick auf die Beleuchtung von Geschäften zeigt die breite Vielfalt von Lichtkonzepten. In Discount-Supermärkten etwa mit Reihen von Leuchtstofflampen finden wir einen sehr funktionalen Umgang mit Licht vor, der im privaten Umfeld vielleicht einer einfachen Beleuchtung von Lagerflächen im Keller entspricht. Modegeschäfte im mittleren Preissegment hingegen setzen Akzentbeleuchtung ein, um aktuelle Kollektionen zu betonen. In den Flagship Stores von Luxusmarken wiederum erhält die inszenierende Beleuchtung mit Farbe, Dynamik und Projektionen neben der differenzierten Akzentbeleuchtung einen hohen Stellenwert, um der Architektur wie auch den Produkten eine besondere Atmosphäre zu verleihen und eine Differenzierung gegenüber anderen Marken zu erreichen.
Impulse gehen dabei auch von der Lichtkunst aus. So haben Lichtkünstler wie Olafur Eliasson oder James Turrell bereits Werke für Flagship Stores von Louis Vuitton entworfen.

Die Inszenierung mit Licht hat übrigens sehr früh begonnen. Die Weltausstellung von Paris 1889 versetzte die Besucher bereits ins Staunen durch hunderte farbiger Lampen, die in verschiedenen Sequenzen blinkten. Heute hingegen sehen wir an Plätzen wie dem New York Times Square kaum noch Reihen von blinkenden Lampen. Die Gebäude sind stattdessen eingehüllt von großflächigen LED-Flächen und senden Werbebotschaften in die Konsumwelt.

Simone Kraft: Sie haben zunächst Architektur studiert, bevor Sie zum Schwerpunkt »Lichtarchitektur« gefunden haben. Warum das Studium der Architektur?

Thomas Schielke: Design, Kunst und Architektur haben mich seit Langem interessiert. Am Ende der Schulzeit hatte ich in Darmstadt den Bau und die Fertigstellung eines Kirchenbaus verfolgt und war sehr angetan von der Raum- und Lichtwirkung sowie von der Vielzahl sehr gelungener Details. Architekten im Bekanntenkreis inspirierten mich ebenfalls bei meiner Entscheidung für Architektur. Meine Praktika haben mich schließlich in dem Entschluss bestärkt, diesem Weg zu folgen.

Simone Kraft: Und wie kommt man von der Architektur zur Lichtarchitektur?

Thomas Schielke: Die TU Darmstadt gehörte seinerzeit wie auch heute zu den wenigen Universitäten, die Seminare zur Architekturbeleuchtung in Deutschland angeboten haben. Im Lichtseminar von Dietmar Eberle ging es beispielsweise um archetypische Räume und die Wirkung von Sonnenlicht im Tagesverlauf sowie die Wechselwirkung von Beleuchtung mit Materialien und Farbe. Als studentische Hilfskraft am Fachgebiet Entwerfen und Beleuchtungstechnik habe ich mehr über die Grundlagen von Licht erfahren und welche Bedeutung qualitative Lichtplanung hat im Vergleich zur quantitativen Beleuchtungsplanung, die sich in erster Linie aus Normen und Richtlinien ableitet. Nach dem Studium konnte ich während meines Praktikums bei der amerikanischen Niederlassung von Erco die technischen Aspekte von Architekturbeleuchtung vertiefen.

Simone Kraft: Den New Yorker Times Square haben Sie bereits erwähnt – er ist so etwas wie ein leuchtender »Meilenstein«, dessen Bild man automatisch im Kopf hat, wenn man an leuchtende Werbeflächen denkt. Wie beeinflusst und verändert Lichtarchitektur das Stadtbild, im Positiven wie im Negativen?

Thomas Schielke: Die städtebauliche Auswirkung von Lichtarchitektur zeigt sich tagsüber an den Fenstern und beim Sonnenschutz. Je nach Region und Baustil verschließen sich die Gebäude unterschiedlich, um Blendung oder einen zu hohen Wärmeeintrag durch Sonnenlicht im Innenraum zu vermeiden. Nachts hingegen wirkt die Fassadenbeleuchtung und mitunter die Innenraumbeleuchtung in den Stadtraum hinein. Bei qualitativ guter Beleuchtung ohne Lichtverschmutzung wirkt das Stadtbild lebendig und wird von den Bürgern geschätzt. Beleuchtete Bauwerke können dann zu urbanen Lichtzeichen werden und den Tourismus fördern. Die tägliche Illumination der Skyline von Hong Kong verkörpert sicherlich ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich der urbane Raum nachts in eine Bühne für den Tourismus verwandelt, um eine führende Rolle im Ranking asiatischer Metropolen zu unterstreichen.

Sehr helle und bunte Lichtkonzepte mit wenig Sensibilität für Lichtverschmutzung können allerdings auch einen deutlichen Widerstand im öffentlichen Umfeld hervorrufen, wenn sich Anwohner durch die Umgebungsbeleuchtung in ihrem Privatraum gestört fühlen, indem beispielsweise eine Medienfassade bunt in die Wohnzimmer hineinleuchtet. Eine weltweite symbolische Gegenreaktion zu der verschwenderischen Verwendung von Beleuchtung bildet die „Earth Hour“ mit dem Ausschalten der Beleuchtung für eine Stunde, um auf einen nachhaltigen Umgang mit Beleuchtung hinzuweisen. Auch der Kinofilm »The City Dark« wäre sicherlich nicht gedreht worden, wenn elektrische Beleuchtung unproblematisch für den Mensch und die Umwelt wären.

Simone Kraft: Kunstprojekte wie die Installationen von Mader Stublic Wiermann arbeiten mit der Inszenierung von Licht auf Fassaden (Link zum deconarch.com-Interview mit Mader Stublic Wiermann). Wie sind sie einzuordnen?

Thomas Schielke: Sie leisten einen wertvollen Beitrag zur Ästhetik, indem sie den Ort und die Lichtwirkung unter künstlerischen Aspekten betrachten und eine Alternative aufzeigen zu kommerziellen Konzepten von Medienfassaden, in denen oft Branding und Werbung für Produkte im Vordergrund stehen. Mit ihrem architektonischen Hintergrund gelingt es dem Team, spannende räumliche Lichtkonzepte für neue Sichtweisen zu schaffen.

Simone Kraft: Eine Medienfassade – was ist das? Wie können Gebäude anfangen zu twittern, wie Sie in einem Vortrag sagen?

Thomas Schielke: Weitere Impulse für Licht im Stadtraum gehen von der Videotechnik aus, die sich an der Verbreitung von Medienfassaden ablesen lässt. Die Architektur wird zunehmend zu einem Träger von dynamischen Bildern. Eine gestalterische Herausforderung liegt dabei sicherlich in der Ansicht von Medienfassaden bei Tag und deren Integration in die Gebäudehülle. Während am Abend die Bildinformationen auf den Bildschirmen eine erstaunliche räumliche Tiefe entfalten können, kann die flache Geometrie am Tage mitunter nüchtern wirken, wenn die LED-Pixelflächen wie Bildschirme flach an der Fassade kleben und wie ausgeschaltet wirken. Raffinierte Lichttechnik und leistungsstarke LEDs ebnen jedoch zunehmend den Weg dafür, dass Medienfassaden auch am Tag eine größere Rolle spielen können. Ein formaler und funktionaler Konflikt bei großflächigen Medienfassaden mit dahinterliegender Büronutzung entsteht zudem häufig durch die Fensteranordnung und den Ausblick, da LED Flächen mit einer hohen Bildauflösung nur bedingt einen Ausblick aus dem Gebäude zulassen.

Die Vernetzung mit Social Media bietet Eigentümern von Medienfassaden zudem ein spannendes Feld für den Dialog mit der Öffentlichkeit. Sie stellt ein wertvolles Medium dar, um eine lokale Lichtinszenierung weltweit zu publizieren. Erste Installationen lassen Interaktionen zu – entweder im künstlerischen oder kommerziellen Kontext. Das Abscannen des großformatigen QR Codes an der Fassade des N Building in Tokyo etwa ermöglicht die Kommunikationen mit Nutzern des Gebäudes sowie die Teilnahme an speziellen Konsumangeboten. Techniken zur Steuerung farbiger Fassadenbeleuchtung von Geschäften mittels Smartphones von Konsumenten existieren bereits, jedoch kann dies zu Diskrepanzen mit der Corporate Identity führen, sodass Marken dann in der Praxis entschließen, das Interface nicht für Kunden zugänglich zu machen, um selber die farbige Bespielung der Fassade zu kontrollieren.

So wie wir über Tweets auf sprachlicher Ebene eine Vielzahl von Informationen aus unserem Umfeld erhalten, so verändern die schnellen dynamischen Bilder von Medienfassaden unsere städtebauliche Umgebung – manchmal über Kanäle von hoher Qualität mit vielen Empfängern und andermal dominiert von einer Masse an Trivialität, die sich nichts sehnlicher wünscht als Aufmerksamkeit.

Simone Kraft: Und Urban Branding? Was bedeutet das?

Thomas Schielke: Weltweit bemühen sich Marken, charakteristische visuelle Präsenz in der Stadtlandschaft aufzubauen. Nachts inszenieren sie Leuchtbotschaften, die von konventionellen Leuchtzeichen und Werbetafeln bis zur dynamischen, narrativen Lichtarchitektur reichen. Daher sind Medienfassaden zu einem faszinierenden Medium gewordne, mit dem man ein architektonisches Bild in der nächtlichen Stadt erzeugen kann. Manche Firmen nutzen auch »Guerilla«-Lichtprojektionen für temporäre Installationen, die urbane Räume subversiv umwandeln. Andere statten ihre Flagship Stores mit riesigen LED-Bildschirmen aus oder nutzen die Fassaden als Interface für künstlerischere Lösungen. Videos werden häufig als Dekoelemente eingesetzt, die mit den traditionellen Werbetafeln um Aufmerksamkeit konkurrieren. Hier sind die Medienfassaden zu interessanten Alternativen geworden, mit denen sich einen ausgefeiltere Design-Sprache entwickeln lässt, um dynamische Inhalte mit dem Gebäude zu verbinden. Manche Installationen erlauben den Betrachtern gar, mit dem Gebäude zu kommunizieren. So werden die Konsumenten Teil der Urban Marketing Strategie, um einen lebendigen, fortschrittliche Markenidentität zu schaffen.

Simone Kraft: Wie ist die Tendenz? Werden Städte noch heller werden? Twittern Gebäude nachts in den Stadtraum?

Thomas Schielke: Für die Prognose zukünftiger Tendenzen in der Architekturbeleuchtung lassen sich einige Entwicklungen erkennen, die von den Bereichen Licht- und Videotechnik sowie Kommunikation ausgehen. Mit der LED-Technik steht eine effiziente Lichttechnik zur Verfügung, die eine wesentlich höhere Lichtausbeute bietet als konventionelle Glühlampen. Mit etwa 50.000 Stunden Lebensdauer haben LEDs eine wesentlich längere Haltbarkeit als andere Leuchtmittel. Die immer größeren Leistungspakete bei dem Lichtstrom der LED-Module erschließen einerseits ein breiteres Anwendungsfeld für die LED, allerdings erfordert die zunehmende Leuchtdichte intensivere Maßnahmen zur Blendungsbegrenzung, um bei der höheren Effizienz auch von einem guten Sehkomfort profitieren zu können.

Die Begeisterung für die LED mit dem möglichen Einsparpotenzial hinsichtlich des Energieverbrauches hat allerdings kaum dazu geführt, dass man gleichzeitig sich für weniger Licht entschieden hätte. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass der urbane Raum insgesamt heller wird und ein Umdenken in Richtung weniger Helligkeit nur stellenweise erfolgt. Getragen wird diese Entwicklung sicherlich auch von dem Wunsch, dass sich manche Orte als »Stadt des Lichts« präsentieren möchten und Unternehmen ihren Niederlassungen eine lichtstarke Präsenz verleihen möchten, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Dabei bildet die Helligkeit nur einen Aspekt der Architekturbeleuchtung obwohl mit diffusem und gerichtetem Licht, der Farbtemperatur sowie den unterschiedlichen Beleuchtungsarten zahlreiche weitere Parameter für die Gestaltung von Lichtarchitektur und zur Differenzierung von Gebäuden vorhanden sind.

Die Präsenz von LED-Pixeln mit der Vernetzung von Videotechnik und Social Media wird definitiv die inszenierende Lichtarchitektur der nächsten Dekade bestimmen.

Simone Kraft: Thomas Schielke, ganz herzlichen Dank für die ausführlichen Informationen zur Lichtarchitektur!

Abbildungen und Videos: Thomas Schielke, www.arclighting.de
Abbildungen siehe angegebene Quellen 
Quelle: deconarch.com

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