Start Magazin Architektur + Kunst Der veröffentlichte Raum von Stephan Doesinger

Der veröffentlichte Raum von Stephan Doesinger

Der öffentliche Raum im Zeitalter seiner Digitalisierung, so benennt Stephan Doesinger das Thema seiner rund 140 Seiten starken Publikation, die 2012 im Merve Verlag erschienen ist. Im typischen kleinen Format des Verlags spürt das Buch der Frage nach, was öffentlicher Raum – an sich schon mehr als gebaute architektonische Präsenz – heute ist, wie digitales Raumbewusstsein entstehen kann und vor allem was es leisten soll. In einem sehr komplexen Text, der sich nicht eben so durchlesen lässt, schlüsselt der Autor, der sich als Gestalter, Autor und Herausgeber mit Fragen zu Architektur und Design auseinandersetzt, diese Fragen auf. Dabei nähert er sich auch brandaktuellen Themen an – der Bogen reicht von Terminator und Pulp Fiction über Kunst bis hin zu Wikileaks und Occupy.

Öffentlicher Raum geschieht heute zunehmend im Virtuellen, im Digitalen. Er ist kein lokalisierbarer Ort »a priori« (mehr – man denke etwa an das römische Forum), sondern ein Netzwerk, in sich verwoben, prozesshaft, in dem Datenströme hin und her gehen. Diese Informationen gehen zwar nach wie vor von einem menschlichen Sender aus, der sie in ein System eingibt, dennoch wird eben dieses System geprägt von einer im Grunde nicht mehr auflösbaren Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Auf diese richtet Doesinger seinen Blick.

stephan-doesinger

Hierzu führt er das Modell des veröffentlichten Raumes ein: Alles, was digital veröffentlicht wird, wird Teil dieses »Raumes« zwischen Menschen »– als die Gesamtheit all jener Bilder und Prozesse, die die digitale Technologie hervorbringt und zugleich interpretiert« (12). Ihm steht der öffentliche Raum gegenüber, der nicht (nur) gebaute architektonisches Umgebung ist, sondern vor allem auch ein Konstrukt, in dem »normative[s] Bewusstsein[] für das menschliche Zusammenleben« (10) entsteht. Veröffentlichter Raum ist damit etwas anderes als öffentlicher Raum – auch wenn es dabei durchaus Schnittmengen gibt. Diese Trennung zu unterscheiden und zu verstehen ist ein zentrales Anliegen Doesingers. Denn tatsächlich gibt es bisher kaum eine qualitative Unterscheidung im Umgang mit digitalen Daten, sprich dem veröffentlichten Raum, und ihrer Bewertung, so seine Beobachtung. Es gilt, sich den Umgang mit den im veröffentlichten Raum publizierten Daten bewusst zu machen – was bedeutet digitale Information? –, um dann Ansätze für den Umgang mit diesen zu entwickeln.

Besonders deutlich wird dies im zweiten Teil der Publikation, den Doesinger auch eine Streitschrift für die Bedeutung des öffentlichen Raums nennt: Während im ersten Teil komplexe theoretische Überlegungen die Funktionsweise von digitalen Bildern (dazu im Folgenden) analysieren, folgen im zweiten Teil, dem letzten Kapitel des Bandes, Beschreibungen aus dem digitalen Alltag, die sich von 9/11 und dem Irakkrieg über Wikileaks oder Occupy Wall Street bis hin zu Twitter aufspannen. In ihnen wird die Schwierigkeit des Umgangs mit digitalen Informationen in der aktuellen Medienarbeit beschrieben.

Vor diesem Hintergrund wird die Problematik der Themenstellung um den veröffentlichten Raum geschärft. Vielleicht empfiehlt es sich, die Lektüre mit diesem Kapitel zu beginnen, um die Blickrichtung des Autors einzunehmen, ehe man sich den theoretischen Überlegungen zuwendet. Umso klarer wird dann nämlich, wieso die Auseinandersetzung mit der »Natur« der digitalen Bilder, wie sie einen Hauptteil der Publikation ausmacht, so fundamental ist und warum sie von Missverständnissen und Fehldeutungen geprägt ist:
Digitale Bilder, wie sie uns im Umgang mit den virtuellen Medien ständig begegnen, sind keine Bilder – außer dass sie uns in einer vermeintlich bekannten visuellen Form begegnen. Der Monitor oder Bildschirm scheint die Dateninformationen als Rahmen zu umschließen und uns das Dargestellte wie ein Bild zu zeigen. Trotzdem sind digitale Informationen keine herkömmlichen Bilder, sondern Daten-Ströme. Da sie nicht statisch sind, können sie nicht mehr intuitiv wahrgenommen werden. Wichtig ist an dieser Stelle, sich klarzumachen, dass nicht der Inhalt, das Motiv gemeint ist: «Paradoxerweise müssen wir den Bildinhalt des digitalen Bildes »übersehen«, um das Wesen der Bild-Ergonomie zu verstehen« (132). So wird auch klar, warum die klassischen Wissenschaften, die für die Auseinandersetzung mit dem visuellen Bild zuständig sind, aus Doesingers Perspektive hier nicht greifen (können). Vielleicht wäre es für den Lesefluss zuträglich, der Autor hätte hier einen anderen Begriff als das vorbelastete »Bild« gesetzt.

Auch hier läuft einmal mehr alles darauf hinaus, sich zu vergegenwärtigen, wie digitale Informationen im Verhältnis Mensch-Maschine funktionieren: Der digitale Bildraum wird um den Betrachter herumgeformt, welcher wiederum interaktiv subjektive Auswahlen zur »Bild«-Betrachtung trifft.
Doesingers »Der veröffentlichte Raum« greift mit der allgegenwärtigen Digitalisierung (auch) des öffentlichen Raums ein sehr aktuelles Thema auf und entwickelt viele Ansätze, die weitergedacht werden können und sollen. Allerdings macht die komplexe Ausdrucksweise und der konzentrierte Rückgriff auf unterschiedlichste Denker die Lektüre nicht einfach – es schadet nicht, etwa von Deleuze, Benjamin und vor allem Bergson zumindest schon gehört zu haben. Vor allem auf letzteren bezieht sich der Autor immer wieder. Stellenweise hätte man sich auch ein konsequenteres Korrektorat gewünscht. Der Band ist damit nicht unbedingt die ideale Einsteigerlektüre für alle, die sich mit der Bedeutung des öffentlichen Raums im digitalen Zeitalter beschäftigen wollen – aber eine, die immer wieder zur Hand genommen werden sollte.

Stephan Doesinger
Der veröffentlichte Raum
Berlin: Merve Verlag 2012
144 Seiten
ISBN: 978-3-88396-317-4

13,00 €

Quelle: deconarch.com

Design-Museum von Kengo Kuma eröffnet im September 2018

Design-Museum von Kengo Kuma eröffnet im September 2018

In weniger als acht Monaten – genauer gesagt am Samstag, den 15. September 2018 – ist es soweit: Die ersten Besucher werden die Türen des brandneuen V&A Dundee durchschreiten. Es wird nicht nur das erste Design-Museum in Schottland sein, sondern auch das einzige V&A-Museum außerhalb Londons....

Fürst & Friedrich – Neubau von slapa oberholz pszczulny architekten

Fürst & Friedrich – Neubau von slapa oberholz pszczulny architekten

Mit dem geplanten Büro- und Geschäftshaus Fürst & Friedrich von slapa oberholz pszczulny | sop architekten entsteht ein markanter Neubau in der Düsseldorfer Innenstadt, der das Viertel rund um den beliebten Kirchplatz aufwerten wird.

3M Headquarter in Langenthal von Marazzi + Paul Architekten

3M Headquarter in Langenthal von Marazzi + Paul Architekten

Als Headquarter für den internationalen Technologiekonzern 3M EMEA hat das Architekturbüro Marazzi + Paul ein visionäres Bürogebäude in Langenthal realisiert. Der Neubau direkt beim Bahnhof steht für die Innovationskraft und Offenheit des globalen Leaders 3M ebenso wie für die Dynamik und Wandelbark...

Weitere Artikel:

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

»Künstliche Wärmedämmung an der Fassade als Wärmeschutz kommt bei mir am Neumarkt nicht vor!« Stattdessen entschied sich Investor und Bauherr Michael Kimmerle bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt für eine nachhaltige und dem historischen Ort angemessene monolithische Ziegelbauwe...

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Der Wunsch nach Reinheit und Frische hat insbesondere in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert. In traditionellen Reinigungsritualen, wie zum Beispiel dem zweimal jährlich stattfindenden Misogi, werden Körper und Geist durch das Waschen mit Wasser symbolisch von negativer Energie befreit. F...

Normenkonform im Freispiegel-Einsatz

Normenkonform im Freispiegel-Einsatz

Moderne Staffelgeschoss-Architektur ist momentan sehr gefragt. Bei der Ableitung des Regenwassers sind allerdings einige Regeln zu beachten, denn die direkte Ableitung auf die darunter liegende Dachfläche birgt Gefahren.

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter

Ihre E-Mail
 Anmelden  Abmelden

Der Newsletter der AZ/Architekturzeitung ist kostenlos und kann jederzeit unkompliziert abbestellt werden.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Betoninstandsetzung: Wer haftet wann und wie?
    Betoninstandsetzung: Wer haftet wann und wie? Die Ausführung von Betonerhaltungs-, Betonschutz- und –instandsetzungsmaßnahmen erfordert umfassende fachliche Qualifikationen. Der nachfolgende Beitrag nimmt Stellung zu Anforderungen, die sich…

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

»Künstliche Wärmedämmung an der Fassade als Wärmeschutz kommt bei mir am Neumarkt nicht vor!« Stattdessen entschied sich Investor und Bauherr Michael Kimmerle bei der Rek...

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Der Wunsch nach Reinheit und Frische hat insbesondere in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert. In traditionellen Reinigungsritualen, wie zum Beispiel dem zweima...

Barrierefreies Oberlicht

Barrierefreies Oberlicht

Einen unterirdischen Raum mit Tageslicht ausfüllen? Mit dem begehbaren Oberlicht von taghell werden Ausblicke nach oben und Einblicke nach unten geschaffen. Für den Einsa...

Normenkonform im Freispiegel-Einsatz

Normenkonform im Freispiegel-Einsatz

Moderne Staffelgeschoss-Architektur ist momentan sehr gefragt. Bei der Ableitung des Regenwassers sind allerdings einige Regeln zu beachten, denn die direkte Ableitung au...

Schlichtes und reduziertes Design

Schlichtes und reduziertes Design

»SP – Square Perfection« heißt das WC, das der japanische Sanitärkeramik-Hersteller TOTO ab Januar 2018 auf den Markt bringt. Neu ist die Form: Elegant, kompakt und geome...

Timmerhuis in Rotterdam von OMA

Timmerhuis in Rotterdam von OMA

Das von den Rotterdamer Städtebauexperten OMA (Office for Metropolitan Architecture) erdachte Timmerhuis in Rotterdam gilt als das »grünste Gebäude der Niederlande«. Es v...

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

In der dänischen Küstenstadt Haderslev ist mitten im alten Hafenareal ein zukunftsweisendes Bildungszentrum entstanden. Dieses hebt sich nicht nur durch seine außergewöhn...

Duschen mit Spa-Effekt

Duschen mit Spa-Effekt

Moderne Badkultur ist von Design, Luxus und Technik geprägt. Das Duschritual als besonderen Verwöhnmoment des Tages zu schätzen und neben der Reinheit auch Gesundheit und...

Fassadenkunst: Abstrakt bis naturalistisch

Fassadenkunst: Abstrakt bis naturalistisch

In nur sieben Wochen wich grauer Beton einer abstrakt-naturalistischen Malerei mit blauem Himmel, weißen Wolken, täuschend echten Bäumen und einem illusionistischen Strei...

Wintergarten gut beheizt

Wintergarten gut beheizt

Im Wintergarten hat Wärme nicht nur einfach die Funktion »Heizen« zu erfüllen. Wärme weckt Emotionen und bringt Atmosphäre in den gläsernen Raum. Eine elektrische Strahlu...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.