Anzeige AZ-A2-728x90
Start Magazin Architektur + Kunst Atmosphären, Körper und Räume. Was Skulptur der Architektur zu sagen hat

Atmosphären, Körper und Räume. Was Skulptur der Architektur zu sagen hat

Michael Ernst; »Brainfish«

Noch bis zum 20. März läuft in Berlin die Schau »Elemente. Schwerkraft. Gleichgewicht. 40 skulpturale Positionen«. Ursprünglich hatte die Kuratorin Paulina Tsvetanova zeitgenössische Bildhauerei aus Berlin und den umgebenden Bundesländern zugänglich machen wollen. Herausgekommen ist dabei ein reicher Fundus an Formen und Strukturen, der auch zum architektonisch vorgeprägten Staunen einlädt.

Weniger als 10 Prozent des Kunstmarktes machen Skulpturen aus, wie Ralf Kirberg, der Vorstand des Bildhauernetzwerkes »sculpture network« 2012 verlauten ließ. Hier schlägt sich offensichtlich der digitale Sog ins Zweidimensionale auch im Kunstbetrieb nieder. Antagonistisch verhielten sich „2D und 3D-Kunst“ auch in der Vergangenheit nicht selten. Exemplarisch sei hier an den Anfang des 16. Jahrhunderts in Florenz erinnert, als die beiden Heroen Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarotti aufeinandertrafen. Galt für den ersten die Malerei als höchste Kunst, zeigt der zweite u.a. mit seinem »David« oder der »Bibliotheca Laurenziana« auch uns Heutigen noch, wie erdhafte Elemente die Kräfte des ganzen Körpers fordern wie fördern und nicht nur den Sehsinn.

Rainer Maria Matysik; »Wolke 1«

Ulrike van der Löcht; »Komposition 7«

Der Wandel der Bildhauerei entzieht sich natürlich nicht den großen Strömungen in der Kunst. Allerdings ist die Schwesterdisziplin der Architektur durch die Weigerung, den antiken Verbindung von Proportionen, Harmonien und menschlicher Physiognomie weiter zu folgen, Anfang des 20. Jahrhunderts nicht in die Falle eines zweckorientierten Funktionalismus getappt. Vielmehr konnte die Arbeit an der Skulptur auch und gerade mit dem Bruch der Moderne eine Freiheit gewinnen, von der das meiste des gegenwärtig Gebauten auch heute noch weit entfernt ist. Ausgenommen von dieser Einschätzung sind allerdings einige Architekten, die unter Zuhilfenahme der Rechenmaschine freiere Formen nicht nur generieren, sondern auch realisieren können. Hier ist u.a. Jürgen Mayer H. (Metropol Parasol) in jüngerer Zeit positiv hervorgetreten.

Was hat Architektur mit Skulptur zu tun? Ganz sicher gehen die Protagonisten beider Kunstformen mit Material um. Darüber hinaus aber wirken sie dreidimensional und leiblich. Sie modellieren den Raum, bilden ihn zunächst, indem sie ihn ein-, um- und ausgrenzen. Aber nicht nur das, aus den Grenzen wirkt etwas in den Raum hinein. Gernot Böhme hat das meisterlich auf den Punkt gebracht, indem er Ekstasen identifiziert, die von den Dingen ausgehen. Der Raum wird in spezifischer Weise gebildet und gebeugt - und das unaufhörlich neu, in jeder Sekunde anders als zuvor. Atmosphäre ist also das verbindende Element von Architektur und Skulptur. Sie hat maßgeblich etwas mit Ekstasen von Dingen zu tun, die Räume bilden (Heidegger spricht hier von Einräumen), in denen wiederum die jeweiligen Umweltbedingungen in Form von Klang, Licht, Temperatur etc. dem Menschen erst begegnen können.

Spannend ist es, die Exponate mit den Augen des Architekten zu lesen bzw. mit dessen Hand zu spüren. Nebenbei ist dieses Spezifikum im Umgang mit Skulptur notwendig, um die ganze Dimension der Ekstasen (s.o.) des Artefakts zu erfahren. So lässt z.B. Manfred M. Bonewitz u.a. mit »Capo Vaticano« den Unterschied zwischen einer bearbeiteten, polierten Oberfläche und der naturbelassenen spüren. Was zunächst trivial erscheint, eröffnet jedoch Horizonte, für die Frage danach, welcher Stoff welche Form authentisch verkörpern kann. Es ist eben ein Unterscheid, ein Material als Tapete zu betrachten, die von einem Konstrukt gehalten wird oder sich auf dessen Massivität einzulassen und damit die Volumen zu bilden. Freilich wäre eine solche Herangehensweise ziemlich weit weg von der gegenwärtigen Alltagsarchitektur und deren Bauweisen.

Ulrike Buhl; »Kopfüber«; Foto von Bernd Kuhnert

Oder nehmen wir die Arbeit »Brainfish« von Michael Ernst. Seine kinetische Skulptur ist um vielfältige Achsen drehbar und erinnern entfernt in ihren feinen Balancen an László Moholy-Nagy mit seinem Licht-Raum-Modulator (1930). Für den in Thüringen ansässigen gelernten Kunstschmied ist es wichtig, die dem Auge verborgenen Naturkräfte wahrnehmbar zu machen. Sein eher konstruktiv-additiver Stil setzt natürlich präzise Planung voraus, darin geht er parallel mit der Arbeitsweise vieler Architekten. Die klare Vorstellung der Formen, noch bevor ihnen in die Welt geholfen wurde, ist nach eigenem Bekunden auch das Credo von Ulrike von der Löcht. Sie spricht mit »Komposition 7« eine geometrisch »archi-skulpturale« Sprache und kann (freilich nur in diesem Maßstab) dabei auch dem Carara-Marmor bislang ungeahnte Figurationen abringen.

Ein gegenläufiger Ansatz verkörpert sich in anderen Exponaten, bei denen keine »Vorstellungen« die Werke dominiert zu haben scheinen. Vielmehr wirken z.B. Rainer Maria Matysiks »Wolke 1« oder Ulrike Buhls »Kopfüber« so, als wären sie erst in einer Interaktion von Mensch und Material hervorgekommen. Die jeweiligen Formen wurden eher gefunden bzw. variiert. Dieses »geronnene Tasten« gleicht dabei einer dreidimensionalen Momentaufnahme, denn die Werke scheinen aus sich selbst herauszufließen und wirken, als ob sie kurz davor sind, ihre nächsten Zustände (auch wieder vorübergehend) einnehmen zu wollen.

Die Gruppenausstellung »Elemente. Schwerkraft. Gleichgewicht. 40 skulpturale Positionen« ist bis zum 20. März 2013 in der Berliner »Kunstgießerei & Galerie Flierl« zu sehen.

Kunstgießerei & Galerie Flierl, www.kunstgiesserei-flierl.de. Es gibt auch ein Begleitprogramm zur Ausstellung:

Termine:
01.03.13 Schaugießen mit Film (Kosten 15 Euro p.P. inkl. 2 Getränke).
20.03.13 Führung durch die Ausstellung mit teilnehmenden Künstlern, anschließend Finissage (kostenlos).

Die Rechte der Bilder liegen bei den Künstlern.

Autor: Christian J. Grothaus, Architekt und freier Autor mit Fokus auf Musik, Philosophie, (Bau-) Kunst und Ästhetik, www.logeion.net

Manfred M. Bonewitz; »Capo Vaticano« 

Wohngebäude »The White« von nps tchoban voss

Wohngebäude »The White« von nps tchoban voss

Das siebengeschossige Wohnhaus "The White" fügt sich in eine Reihe von Büro- und Gewerbebauten am ehemaligen Osthafen in Berlin ein. Bodenständig und dynamisch zugleich, ähnelt das weiße Gebäude einer Seeyacht am Anleger. Die großzügige Verglasung bietet weite Rundumblicke.

Kaffeebar von DIA – Dittel Architekten

Kaffeebar von DIA – Dittel Architekten

Für die Marke Primo Espresso entwarf und realisierte das Architekturbüro DIA – Dittel Architekten in Tübingen eine moderne Kaffeebar. Die durchgehende Glasfassade offenbart den Passanten eine warme Stimmung, die – in der Symbiose aus Licht und Material – Lust auf Kaffeegenuss machen soll.

Motel One München: Campus Restaurant von Ippolito Fleitz Group

Motel One München: Campus Restaurant von Ippolito Fleitz Group

Für das Münchner Hauptquartier der Hotelkette wurden das Konferenz- und Ausbildungszentrum, mehrere Büroetagen, die zentrale Lobby und ein öffentliches Restaurant gestaltet. Aufgabe war es, für alle Bereiche eine Designsprache zu finden, die zur Corporate Identity von Motel One passt und trotzdem ei...

Weitere Artikel:

Modernisierung des Pariser Louvre

Modernisierung des Pariser Louvre

Im Rahmen des Pyramid Project, wurde der Empfangsbereich des Louvre unterhalb der Pyramide in den Jahren 2014 bis 2016 umfangreich neu gestaltet. Die 1989 eröffnete Pyramide wurde ursprünglich für 4,5 Millionen Besucher pro Jahr entworfen und ein Vierteljahrhundert später nähert sich die Besucherzah...

Lösung für Kostenplanung, BIM und Abrechnung

Lösung für Kostenplanung, BIM und Abrechnung

Die mit dem BIM-Prozess verbundene Digitalisierung von Planen und Bauen kann zu einer erheblichen Steigerung der Wirtschaftlichkeit führen. Besonders im Bereich Kostenplanung und AVA ergeben sich Zeiteinsparungen, verbunden mit verringertem Fehlerrisiko und verbesserter Transparenz.

Quantensprung in der Dämmtechnik mit Glas

Quantensprung in der Dämmtechnik mit Glas

Die neue Isolierglas-Produktlinie »sedak isomax« hat einen U-Wert bis 0,23 W/m²K. Die Zweifach- oder Dreifach-Gläser gibt es in den für den Hersteller typischen Überformaten bis 3,2 x 16 Meter. Sie sind kombinierbar mit allen herkömmlichen Fassadensystemen. So lassen sich leicht Glasfassaden mit min...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 GDC

AZ Newsletter

Ihre E-Mail
 Anmelden  Abmelden

Der Newsletter der AZ/Architekturzeitung ist kostenlos und kann jederzeit unkompliziert abbestellt werden.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Problemzone Wärmebrücke
    Problemzone Wärmebrücke Mit den steigenden Anforderungen an die energetische Qualität von Gebäuden gewinnen Details und damit auch kleine Problemzonen immer mehr an…

Modernisierung des Pariser Louvre

Modernisierung des Pariser Louvre

Im Rahmen des Pyramid Project, wurde der Empfangsbereich des Louvre unterhalb der Pyramide in den Jahren 2014 bis 2016 umfangreich neu gestaltet. Die 1989 eröffnete Pyram...

Lösung für Kostenplanung, BIM und Abrechnung

Lösung für Kostenplanung, BIM und Abrechnung

Die mit dem BIM-Prozess verbundene Digitalisierung von Planen und Bauen kann zu einer erheblichen Steigerung der Wirtschaftlichkeit führen. Besonders im Bereich Kostenpla...

Quantensprung in der Dämmtechnik mit Glas

Quantensprung in der Dämmtechnik mit Glas

Die neue Isolierglas-Produktlinie »sedak isomax« hat einen U-Wert bis 0,23 W/m²K. Die Zweifach- oder Dreifach-Gläser gibt es in den für den Hersteller typischen Überforma...

Modulares Oberlicht-System in einer schwedischen Berufsschule

Modulares Oberlicht-System in einer schwedischen Berufsschule

Nicht nur manche Schüler, auch das Schulgebäude des schwedischen Sågbäcksgymnasiet musste lange Zeit mit einem »Ungenügend« beurteilt werden: Dunkle Gänge, graue Wände un...

Alles im Blick mit extragroßen Profi-Monitoren für Architekten

Alles im Blick mit extragroßen Profi-Monitoren für Architekten

BenQ, der LED-Display-Experte, ergänzt seine Produktreihe für Architekten, Planer, Ingenieure und Designer um zwei neue, großformatige Modelle. Die Profi-Displays BenQ PD...

Flachdach-Notentwässerung: Gewappnet gegen Starkregen

Flachdach-Notentwässerung: Gewappnet gegen Starkregen

Regelmäßig auftretende Extremwetterereignisse mit Starkregen zeigen: Notentwässerung ist keine Ermessensfrage mehr, sondern ein Muss. Wir stellen drei Systeme zur Notentw...

Flexibler Wohnraum mit massiven Wänden

Flexibler Wohnraum mit massiven Wänden

Mit zunehmender Individualisierung von Lebensstilen und Haushaltsstrukturen, der demografischen Entwicklung wie auch der Urbanisation wachsen die Anforderungen an Wohnmod...

Die neue Datenschutz-Grundverordnung

Die neue Datenschutz-Grundverordnung

Die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die im Mai 2018 in Kraft tritt, wird weitreichende Auswirkungen auf Unternehmen und Bürger in Europa und weltweit haben. Doch ...

ORCA AVA – einfach loslegen

ORCA AVA – einfach loslegen

ORCA AVA ist ein Komplettprogramm zur Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung für das Kostenmanagement von Bauleistungen mit einer komfortablen Benutzerführung umgesetzt in...

Mehr Tür wagen

Mehr Tür wagen

Eine neue Innentür mit vollflächig geprägter Oberfläche bringt Bewegung in die Produktlinie der haptischen Innentüren. »Carisma« fängt da an, wo andere Innentüren aufhöre...

Weitere Artikel:


Anzeige AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.