Start Magazin Berufsnachrichten Schwierigkeiten und Chancen nachhaltiger Architektur

Schwierigkeiten und Chancen nachhaltiger Architektur

Unter dem Motto »let´s be clear« fand vom 21. - 22. September 2010 im 1500 Meter hoch gelegenen Vigilius Mountain Resort in der Region Trentino-Südtirol eine Diskussionsreihe zur Förderung der Kommunikation innerhalb der Baubranche statt. Die Runde hatte es sich zum Ziel gesetzt herauszufinden, welche Schwierigkeiten und Chancen sich zwischen Architekten und Bauherren in Zeiten einer globalisierten und der Nachhaltigkeit verpflichteten Architektur abbilden. Moderiert von Amandus Sattler sollten dabei Zertifikate sowie europäische und internationale Standards in ihrer Relevanz und Effektivität hinterfragt werden.

Die einzelnen, durchaus kritischen Stimmen ließen sich zu folgenden Statements zusammenfassen:

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»Ästhetik und Nachhaltigkeit sind für Architekten ein wichtiges Thema. Die Zertifizierungsprädikate Gold, Silber, Bronze suggerieren die Nähe zu Design-Awards – und somit eine gestalterische Qualität. Die bekannten Zertifizierungen bilden allerdings keine ästhetische Qualität ab, da offiziell nur Kriterien aufgenommen werden, die objektiv bewertbar sind. Dabei kann auch Ästhetik eine messbare und vergleichbare Größe sein, wenn sie auf Erfahrungen von versierten Jurymitgliedern beruht. Der Forderung, dass Zertifizierungen auch zu Anhebung und Sicherung ästhetischer Qualitäten führen, müssen wir als Architekten Nachdruck verleihen, da Ästhetik ein unverzichtbarer Teil der Nachhaltigkeit ist.« Amandus Sattler
 
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»Eine internationalisierte Gesellschaft braucht globale Kodizes, um verbindlich kommunizieren zu können. Sind diese Kodizes so komplex wie bei Zertifizierungssystemen in der Architektur, so bedarf es einer neuen Schnittstelle zwischen den Beteiligten. Die Frage ist: Wer oder was bildet diese Schnittstelle zukünftig ab? Architekten können weder den Mehraufwand noch die Verantwortung dafür tragen. Hier könnten Hersteller – neben den Auditoren der DGNB – eine ganz neue Rolle einnehmen. Für mich als Markenberaterin liegt hier für Unternehmen eine enorme Chance: Wer heute seine Produkte mit einer EPD auf den Markt bringt, wird zur kommunikativen Schnittstelle zwischen Architekten, Auditoren und Bauherren. Eine Rolle, die Unternehmen stets suchen, wenn sie Markenberatung in Anspruch nehmen.« Nicola Sacher
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»Ein Zertifizierungssystem bewertet eine komplexe, mehrdimensionale Bauaufgabe und bildet das Ergebnis meist in 3-5 Klassen (z.B. Gold, Silber, Bronze) ab. Dabei gehen viele Einzelinformationen über das Gebäude verloren. Gute Zertifizierungssysteme, wie das der DGNB, stellen auch die Bewertung der einzelnen Kriterien dar. Anhand dieser Detailbewertungen kann der Planer sein Projekt verbessern. Das Zertifizierungssystem liefert somit dem Bauherren eine Gesamtbewertung seines Gebäudes, garantiert die Einhaltung der gesetzlichen Anforderungen und bietet dem Architekten einen Planungsleitfaden. Es liegt im Wesen eines Zertifizierungssystems, dass nach Ansicht jeweiliger Vertreter verschiedene Aspekte zu wenig Gewicht haben, wie z.B. Ästhetik, technische Innovationen oder Material- und Produktwahl. Entscheidend ist aber, dass das System eine ausgewogene Bewertung zwischen allen unterschiedlichen Aspekten zur Verfügung stellt.« Alois Schärfl
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»Die Diskussion wirft für uns als Hersteller innovativer Fassaden die Frage auf, ob eine Zertifizierung von Gebäuden Planungssicherheit, Bauqualität und Ästhetik erhöht? Automatisch nein – aber das Interesse an Zertifizierungssystemen verstärkt die Sensibilisierung qualitativer Themen in einem wachsenden Kundenkreis. Der Fokus dreht dabei vom reinen Preiskampf zu Fragen über Nachhaltigkeit, Energieeffizienz, Ressourcenschutz und Gesundheit. Damit steigen die Chancen, dass Qualitätsanbieter entsprechende Beachtung erfahren – und damit gleichzeitig Innovationen gefördert werden. Nur die Leistungsfähigsten werden den Herausforderungen gewachsen sein, die neuen Kundenerwartungen zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Ich erhoffe mir zukünftig eine Reduzierung der Bürokratie durch konsequente Handlungsweisen und nachvollziehbare Ergebnisse für alle Stakeholder .« Michael J. Purzer
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»Im Gegensatz zu Green Building-Zertifikaten nimmt eine Environmental Product Declaration (EPD) keinerlei Wertung vor (Bronze, Silber, Gold), sondern bildet alle Informationen in standardisierter Form ab. Ein anschaulicher Vergleich ist der mit Nährwerttabellen auf Lebensmitteln – ein sehr benutzerfreundliches System, das in der Lebensmittelindustrie seit langem erfolgreich ist. Für Hersteller bedeutet die Veröffentlichung einer EPD – und somit die Entscheidung zu größtmöglicher Produkttransparenz –, dass Daten und Fakten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, die bislang streng vertraulich behandelt wurden. Dies erfordert Mut und eine intensive, kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Produktionsprozessen. Im Sinne eines glaubwürdigen Umgangs mit Ressourcen und dem Streben nach ehrlicher Nachhaltigkeit ist dieser Schritt unerlässlich.« Tanja Künstler
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»Grundsätzlich halte ich ein Zertifizierungssystem für sehr wichtig, um eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Ziele in der Nachhaltigkeit zu definieren. Das fehlte bisher. Die Einstufungen sollten aber die gestalterische Qualität explizit ausklammern oder diese deutlich besser als bisher (DGNB) sehen und bewerten. Des Weiteren sollten Innovationen positiv bewertet werden. Heute kann es nur um eine Ausgangsposition gehen, die in den kommenden Jahren ständig verbessert und verfeinert werden muss.« Georg Gewers
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»Zertifizierungssysteme für Gebäude erfordern eine Verdichtung von hochkomplexen Zusammenhängen auf wenige Kennzahlen in einem Punktesystem. Die Bewertung des Gebäudes erfolgt in 3-4 Kategorien (Gold, Silber, Bronze etc.). Diese Zusammenfassung aller Aspekte birgt die Gefahr, dass innovative Gebäudekonzeptionen in der Betrachtung untergehen, da trotz möglicherweise großer Auswirkungen auf Energieeffizienz oder Behaglichkeit die Auswirkung auf die Zertifizierungsstufe gering ist. Die Bereitschaft zur Umsetzung von Innovationen wird durch Zertifizierung daher eher gedämpft als gefördert. Im Bereich Energie werden Bewertungspunkte an prozentuale Unterschreitung bezogen auf ein virtuelles Referenzgebäude gekoppelt. Damit kann eine Aussage absoluter energetischer Benchmarks nicht getroffen werden.« Stefan Holst
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»Die Immobilienwirtschaft orientiert sich immer an einer hohen Rendite von Projekten. Dabei rücken Zertifikate zunehmend in den Focus von Investoren und scheinen in deren Augen werthaltige und stabile Anlagen zu generieren. In diesem Moment müssen die Diskussionen über Projektnachhaltigkeit zwischen Investor und Architekt als Chance zur Umsetzung besonderer architektonischer Qualität genutzt werden. Der Diskurs darf sich allerdings nicht nur am Punktesystem der Zertifikate orientieren – genau hier muss der Architekt verschiedenste, vielleicht nicht klassifizierbare Qualitäten installieren wie Konzept-, Material-, oder Raum- Qualität. Nur so kann eine umfassende Nachhaltigkeit entstehen, die viel mehr Aspekte betrachtet, als es eine kleine Plakette leisten kann. So sind Zertifizierungen eine neue Chance und ein neuer Auftrag zugleich.« Fabian Ochs

Die Diskussion wurde initiiert und unterstützt vom Teppichfliesenhersteller InterfaceFLOR.

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