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Interview mit Stefan Behnisch zum »John and Frances Angelos Law Center« der University of Baltimore

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Das neue »John and Frances Angelos Law Center« (Link zum Artikel) vereint erstmals alle Räume der juristischen Fakultät der Universität von Baltimore unter einem Dach. Durch die Nähe des Standorts zum Hauptbahnhof, der »Penn Station«, und direkt gegenüber des Jones Falls Expressway, einer von Baltimores wichtigsten Schnellstraßen, markiert das Gebäude den nördlichen Eingang zur Innenstadt und zum Campus. Es zeigt das Engagement der Universität im Hinblick auf die andauernde städtebauliche Erneuerung und Weiterentwicklung der Stadt. Das 12-geschossige, 69 Meter hohe Universitätsgebäude setzt sich aus drei L-förmigen Baukörpern zusammen mit unterschiedlichen, zum Teil durchmischten Funktionen für Hörsäle, Verwaltung und Bibliothek. Ein gebäudehohes Atrium verbindet die einzelnen Bereiche miteinander als ein kommunikativer Raum für Arbeitsplätze, Lounges und informelle Treffpunkte.

Wir sprachen mit Stefan Behnisch über seine Planung.

Rolf Mauer: Herr Behnisch, 2013 wurde das John and Frances Angelos Law Center der University of Baltimore eröffnet. Erzählen Sie uns etwas über das Gebäude und Ihren Entwurf.

Stefan Behnisch: Der Architektenwettbewerb fand 2008 statt. Es handelte sich um ein Bewerbungsverfahren mit insgesamt zwei Interviews. Mit dem ersten Interview konnte man auf die sogenannte »Shortlist« kommen, auf der nach meiner Erinnerung u.a. Foster, Perrault, Moshe Safdie, die SmithGroup und wir standen. Bereits im Wettbewerb arbeiteten wir mit den lokalen Architekten Ayers/Saint/Gross aus Baltimore zusammen.

Interessant war, dass der Präsident der Universität, Robert L. Bogomolny, sich bereits in den Interviews sehr stark engagierte. Er stellte uns kurzerhand die Frage: Warum wollt ihr das Gebäude bauen? Eine Frage, die einem normalerweise nie ein Bauherr stellt.

Wir fanden die Bauaufgabe, wie wir ihm erklärten, sehr interessant und anspruchsvoll. Das Grundstück war eigentlich »unmöglich« und sehr schwierig zu bebauen und auch die Umgebung erschien uns nicht besonders anziehend, da stehen wenig gute Gebäude.
Letztlich haben wir den Wettbewerb gewonnen und mit dem Präsidenten Robert L. Bogomolny sehr eng zusammen gearbeitet, er hat sich stark eingebracht und engagiert.

Rolf Mauer: Ist Robert L. Bogomolny vom Fach? Was hat ihn als Präsidenten bewogen, in das Thema Neubau so stark einzusteigen?

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Stefan Behnisch: Er ist Jurist und war früher in der Industrie tätig. Er hat sein Engagement wie folgt erklärt: Die Universitäten stehen im Wettbewerb und die Gebäuden haben eine große Bedeutung, da diese unsere Lehre »mitformen«. Sie geben Antworten auf die Fragen: Wie können wir zusammen arbeiten? Wie interdisziplinär ist unsere Lehre?

Natürlich haben Universitätsgebäude auch eine hohe Signalwirkung. Was für die Automobilindustrie mit ihren Museen gilt, ist auch für eine Universität wichtig. Erstaunlicherweise haben das nur wenige Hochschulen erkannt.

Das Gebäude bestand bereits im Wettbewerb aus drei Elementen, der Bibliothek, den Lehrbereichen und den Vorlesungsräumen und dem verbindenden Element des zentralen Atriums. Letzteres ist kein typisches Atrium sondern eine »Verteilung des Gebäudes«. Hier sind die kommunikativen Bereiche und die Gebäudeerschließung untergebracht.

Rolf Mauer: Was meinen Sie mit den kommunikativen Bereichen?

Stefan Behnisch: »take out spaces« oder »bumping spaces« nennt man die Bereiche, in denen man sich zufällig trifft und Studenten sich auch zum Arbeiten zurückziehen können. Robert L. Bogomolny hat gefordert, dass bis auf die Bibliothek die Funktionsbereiche nicht zu klar getrennt werden. Die Fakultät und die Vorlesungsräume, also die Studentenbereiche, sollten gemischt werden, so dass die Studenten und Professoren gezwungen sind, sich zu begegnen.

Sie können aus dem Gebäudeschnitt sehr gut herauslesen, wie die einzelnen Funktionen gemischt wurden. Aus diesen Vorgaben entstand ein ganz spannendes Gebäude, das im Atrium einer Treppensituation von Piranesi ähnelt, teils finden sie Rampen, teils Treppen. Die Strategie im Entwurf war folgende: Neben den ganz normalen Fluchtwegen gibt es diesen schönen Weg durch das Gebäude. Man kann das Haus über alle 12 Stockwerke von oben bis unten über diese besonderen Treppen und Rampen durchlaufen und dadurch diesen Raum erleben.

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Das Atrium ist hochkomplex. Nach den Skizzen haben wir großformatige, physikalische Gebäudemodelle in einer Größe von 1,5 Meter hergestellt und den Raum am Computer mit BIM-Modellen geplant. Ein solcher Raum lässt sich mit normalen Schnitten nicht mehr erfassen. Mit diesem Aufwand konnten wir einen spannenden und dynamischen Ort entwerfen, der eine große Variation an neuen Perspektiven und Aussichten bietet.

Es ist sehr ungewöhnlich, ein Fakultätsgebäude in dieser Höhe auf einem so kleinen Grundstück zu bauen. Natürlich war die erste Reaktion, auch unserer Partnerarchitekten und der weiteren Beteiligten, zu sagen, packt doch die großen Vorlesungssäle in das Erdgeschoß oder in das Untergeschoss. Aber das wollten weder wir noch Robert L. Bogomolny, weil sich dann alle Studenten auf den beiden untersten Ebenen versammelt hätten. Wir wollten, dass das ganze Gebäude animiert ist und daher wurden die Vorlesungssäle bis in das 8. und 9. Geschoß hoch verteilt.

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Das bedeutet aber auch, dass die Studenten in kurzer Zeit transportiert werden müssen, ohne beliebig viele Fahrstühle bereit zu halten. Also machten wir folgendes: Wir entwarfen für die Mitte des Gebäudes, auf dem 6. und 7. Geschoß einen Campus, wir nannten ihn »Schulhof«, entsprechend dem englischen Begriff »schoolyard«. Dort befinden sich das Café und die Arbeitsbereiche für die Studenten. Dort ist auch der Aufenthaltsbereich in den Vorlesungspausen.

Das hat sich bewährt, der »Schulhof« ist zum Herz der Anlage geworden. Hier treffen sich die Studenten und befinden sich die informellen Arbeitsbereiche. Da stehen Tische mit bis zu acht Arbeitsplätzen an denen zum Beispiel Projektarbeit stattfindet.

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Im Projekt wurde sehr viel Sichtbeton verwendet. Der Boden ist versiegelter, teilweise auch polierter Sichtbeton, die Wände und Decken sind ebenfalls aus Sichtbeton. Das hat klimatische Gründe und dafür wurde das Gebäude in »Leed Platin« zertifiziert. Eine Bauteilaktivierung sorgt für die Kühlung und Heizung des Gebäudes, die über ca. 30 cm tief im Beton verlegte Rohre funktioniert.

Dieses umfangreiche energetische Konzept hätten wir auch in Deutschland nicht mit jedem umsetzen können. Für amerikanische Verhältnisse ist das Gebäude sehr ökologisch umgesetzt. Durch die Exponierung des Betons, durch das Weglassen aller Deckenabhängungen und des ganzen Plastiks, das sonst eingebaut wird, ist es fast ein veredelter Rohbau. Ergänzend gibt es sehr schöne Holzoberflächen, die hauptsächlich als akustische Maßnahmen eingesetzt werden. Das Holz wird zudem gezielt dort eingesetzt, wo der Mensch mit den Oberflächen in Berührung kommt. Als Sitzplätze, Handlauf oder an Arbeitsplätzen.

Gemeinsam mit Frank Ockert von Ockert und Partner aus Stuttgart haben wir die Farbstrategie erstellt. Grundprinzip war es, dunkle Ecken heller und helle Ecken etwas dunkler zu machen. Außerdem haben wir ein farbliches Leitsystem ergänzt und uns in der Auswahl an Otl Aicher orientiert. An den Farben kann man erkennen, wo man sich gerade aufhält. Gleichzeitig bringen sie eine große Frische in das Gebäude.

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Wir haben uns dann gefragt, wie können wir den Raum sichtbar machen. Ein Atrium ist ja erst Mal ein leerer Raum. Wir wollten das Volumen erkennbar machen und bedienten uns daher der Reflektion. Man kann sich das sehr gut mit dem Bild einer Waldlichtung im Nebel vorstellen, in die ein Sonnenstrahl fällt, wie bei Gemälden von Caspar David Friedrich. In denen lässt sich sehr gut die Leere des Raumes erkennen. Licht muss auf Objekte treffen.

Wir entwickelten also für das Atrium gemeinsam mit Zumtobel Reflektoren die auch gleichzeitig Leuchtelemente sind und den Raum betonen. Wir nennen sie »butterflies«, lange Stränge von Leuchten, die in der Mitte eine schwarze Röhre haben. Die Röhre strahlt in die »Flügel« hinein und bringt diese zum Leuchten. Die Leuchten machen den Raum erlebbar und wurden extra für dieses Gebäude entwickelt. Sie sind die zeitgemäße Form eines Kronleuchters.

Rolf Mauer: Die Leuchten übernehmen also die Funktion des Nebels in einer von der Sonne durchfluteten Waldlichtung?

Stefan Behnisch: Ja, genau. Wir wollten dem leeren Raum des Atriums eine besondere Lichtqualität mitgeben und das Vertikale betonen, also den fließenden Raum, der zwischen den Geschoßen durchreicht. Wir wollten das »Nichts« erlebbar machen und u.a. damit auch eine eigene Identität des Gebäudes erreichen. Identität ist in der amerikanischen Hochschulwelt sehr wichtig, da man auf Spenden aus der Bevölkerung und von Stiftungen angewiesen ist. Ca. 25 Prozent der Baukosten wurden durch das Spendenaufkommen finanziert.

Rolf Mauer: Die Möbelentwürfe sind ebenfalls von ihnen?

Stefan Behnisch: Die bunten Lounge Sessel habe ich für Rolf Benz entworfen. Sie orientieren sich am Farbkonzept des Gebäudes. Die Sessel wurden zwar nicht speziell für das »John and Frances Angelos Law Center« entworfen, aber waren gerade rechtzeitig fertig, so dass ich sie dem Universitätspräsidenten Robert L. Bogomolny vorstellen konnte und der ging gerne auf meinen Vorschlag ein.

In dem Gebäude ist sehr viel von uns, u.a. die Schreibtische, die mein Vater in den achtziger Jahren für VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken designt hatte. Außerdem eine Stehleuchte, die ich für Nimbus entwickelt hatte.

Es ist nicht so, dass wir Wert darauflegen, unsere Gebäude mit möglichst vielen Eigenentwicklungen auszustatten, aber sie passen zu dieser Architektur und dem Gebäude. Das hat die Universität erkannt und das zeigt auch, dass zwischen uns und dem Bauherrn ein sehr gutes Verhältnis besteht.

Rolf Mauer: Herr Behnisch, vielen Dank für das Gespräch.

Lesen Sie hier den Artikel zum  »John and Frances Angelos Law Center« in Baltimore von Behnisch Architekten.

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Fotos: David Matthiessen, Grafiken: Behnisch Architekten, Porträt: Christoph Soeder

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