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Alles andere als oberflächlich!

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Lange Zeit galt Putz als altmodisch und wurde häufig nur als B-Variante der möglichen Gestaltungsoptionen gesehen. Innovative Gebäudeinterpretationen plante man vorwiegend in anderen Werkstoffen. Warum? Vermutlich werden Putzfassaden allgemein als etwas Tradiertes und Solides wahrgenommen und stehen nicht unbedingt für Innovation. Die Tendenzen und Phänomene in der aktuellen Architekturgestaltung wie Perforation, Transparenz, virtuelle oder parametrische Ästhetik lassen sich oftmals besser mit anderen Werkstoffen umsetzen. Hinzu kommt das Vorurteil, dem Material Putz fehle die technische und gestalterische Entwicklung. Auch der Vorwurf der mangelnden Materialauthentizität und das Image als »billiges Gestaltungsmittel« prägen die landläufigen Vorstellungen von Putz.

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Putz hat Zukunftspotenzial
Mittlerweile erlebt Putz eine Renaissance, die sicherlich auch den Wärmedämmverbundsystemen geschuldet ist. Insbesondere im Wohnungsbau finden sich im Zuge der energetischen Ertüchtigung großflächige Anwendungen von verputzten Oberflächen in Standardverfahren.
Der materielle und ästhetische Wert von Putz geht allerdings weit über diese gängige Anwendungspraxis hinaus. Vermehrt studieren Planer und Fachhandwerker die traditionellen Techniken, um auf das drohende Glattputz-Einerlei an Fassaden mit Kreativität und gestalterischen Impulsen zu antworten. Denn Putz eröffnet, insbesondere wenn er als Dickschichtsystem angewendet wird, enorme Gestaltungsmöglichkeiten und große sinnliche Qualitäten. Themen wie Natürlichkeit und Vertrautheit, aber auch der Wunsch nach lokalen Werkstoffen und Traditionen, nach subtilen, plastischen Strukturen statt glatter Screens oder medialer Flächen, gewinnen an Bedeutung. Hinzu kommen ein wirtschaftliches Preis-Leistungsverhältnis, einfache Verarbeitung, Einsatzmöglichkeiten an historischen wie denkmalgeschützten Gebäuden, breit gefächerte Farbgestaltung und reichlich vorhandene, natürliche Rohstoffe.

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Historische Putztechniken
Putz hat im Bauwesen eine durchgängige, lange Tradition von der Antike über Barock, Historismus und Gründerzeit und die klassische »Weiße Moderne« der 1920er-Jahre – deren weiße Kuben ohne Putz nicht denkbar sind –, bis zum heutigen Tag. Zu jeder Zeit wurden die historischen Techniken übernommen, variiert und ergänzt. Technisch entwickelten die Materialien sich von Lehm- über Gips- und Kalkputz bis hin zu Kalkzement- und Zementputzen, seit vielen Jahren nun auch noch mit Vergütungen auf Basis von Kunststoffen.
Vor allem aber waren und sind es die gestalterischen Möglichkeiten, die dem plastischen Material Putz innewohnen, die die Fantasie der Baumeister, Architekten und Handwerker immer wieder angeregt und herausgefordert haben: Besenstrich-, Kammzug- und Kellenwurfputz, Sgraffito- oder Kratzputz, Nagelbrett-, Rechenzug-, Rau- oder Spritzputz, um nur einige zu nennen. Gemeinsam ist diesen Techniken, dass der Putz während und nach dem Auftrag auf unterschiedlichste Art und Weise bearbeitet wird.


 

Besenstrichputz
Hier werden die Putzflächen im noch feuchten Zustand mit einem Reisigbesen waagerecht oder senkrecht strukturiert, wodurch eine charakteristisch belebte Oberflächenstruktur entsteht.

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Rechenstrichputz
Wesentlich deutlichere Spuren als bei Besen- und Kammstrich entstehen beim Rechenstrich, der klare kräftige Rillen in der Putzmasse hinterlässt. Stark horizontal oder vertikal strukturierte Flächen sind das Ergebnis.

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Sgraffito
Eine oder mehrere übereinanderliegende Putzschichten werden nach Vorlage ausgekratzt, sodass freigelegte, erhabene Strukturen, Muster oder Ornamente entstehen.

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Kratzputz
Kratzputz wird mit Edelputzkratzern aus dem Oberputz »gekratzt«. Dadurch springt das Korn heraus und die unverwechselbare Struktur des Kratzputzes entsteht.

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Nagelbrettputz
Das Nagelbrett kann man sich wie ein Fakirbrett vorstellen, das in den noch weichen Putz gedrückt wird und auf diese Weise eine kleinteilige, weniger stark gerichtete Struktur hinterlässt, als dies bei den gezogenen oder gestrichenen Techniken der Fall ist.

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Kammzugtechnik
Der sogenannte Kammzug ist eine handwerklich anspruchsvolle Bearbeitung, die ursprünglich wohl aus Österreich stammt. Mit einem Stahlkamm oder Sägeblatt werden waagerechte, senkrechte oder wellenförmige Linien in den Putz gezogen. Der Kammzug kann Band für Band freihändig oder auf einer vorher nivellierten Holzkonstruktion abgezogen werden. Es entsteht – anders als bei dem üblichen dreiecksförmigen Profil – die Struktur einer gezahnten Briefmarke, mit feinen negativen Fugen und einer breiteren halbkreisförmigen Bänderung.

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»Wir bieten neben vielen anderen traditionsreichen Putztechniken auch den Kammzug an«, erklärt Rudolf Ehmann, Seniorchef der Firma Form und Farbe Ehmann. »Mit dieser besonderen Putztechnik entsteht das Bild einer Art ‚plastischen Nadelstreifenanzugs‘ von zeitloser Eleganz und Schönheit.«
Entscheidend für die Qualität ist der gleichmäßige Druck des Werkzeugs in das noch frische Material und ein absatzfreies Arbeiten. Es wird immer von oben nach unten gearbeitet, immer richtungsgleich und immer an den Öffnungen und Ecken beginnend. Man sollte die einzelnen Fassadenflächen ohne Unterbrechungen erstellen, weil Ansätze in trockenem Zustand nicht nachgearbeitet werden können.
Besonders aufwendig gestaltet sich die Modellierung der Ansätze und Ecken, die mit feinem Pinsel und Spatel nachgearbeitet werden, um ein möglichst homogenes Bild zu erhalten. Anschließend streicht man den Kammzugputz mit einem langhaarigen Pinsel, um auch die Vertiefungen der feinen Fugen zu erreichen. Diese anspruchsvolle Putztechnik verleiht Fassaden plastische Tiefe und verändert ihr Aussehen je nach Tageszeit und Schattenwurf.

Objektbeispiele: Form & Farbe Ehmann, www.formundfarbe-ehmann.com

Produkte: KEIMFARBEN GMBH, www.keim.com

 

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