Mitten in der Brixner Altstadt, zwischen Gewölben und Laubengängen, steht ein Ort, an dem sich Geschichte nicht nur erleben, sondern auch erschmecken lässt: Der Traubenwirt. Seit jeher Treffpunkt für Einheimische und Reisende, fügt sich das traditionsreiche Restaurant harmonisch in das historische Gefüge der "Kleinen Lauben" ein. 2024 erhielt das Haus nun eine sanfte Verjüngungskur – eine Erweiterung, die sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern leise, aber bestimmt neue Akzente setzt.

Vom Brand zur Baukunst: Ein Haus mit Vergangenheit
Das ursprüngliche Gebäude stammt aus dem Jahr 1444. Damals hatte ein verheerendes Feuer große Teile des Viertels zerstört – das heutige Wirtshaus entstand auf den Ruinen dieser Katastrophe. Über Jahrhunderte wurde es immer wieder angepasst, erweitert, neu gedacht. Als der Bauherr 2023 das benachbarte Ladengeschäft an der Ecke zur Domgasse erwarb, ging es weniger um spektakuläre Vergrößerung als vielmehr um einen architektonischen Feinschliff.

Architektur mit Gespür für das Wesentliche
Die Aufgabe übernahm das Studio zerododici architecture unter der Leitung von Architekt Achim Reifer. Die Idee: einen angrenzenden Raum zu erschließen und ihn in die bestehende Struktur einzubinden, ohne den Charakter der ursprünglichen Stube zu verlieren. Dafür musste eine knapp meterdicke, tragende Wand vorsichtig durchbrochen werden. Um auf Augenhöhe mit dem bestehenden Niveau zu kommen, senkten die Planer den Boden des neuen Bereichs um etwa 50 Zentimeter ab.

Eine Passage aus Messing und Bedeutung
Der Übergang zwischen Alt und Neu wurde nicht versteckt, sondern betont. Vier Stufen aus massivem Messing markieren die Passage wie ein metallischer Gürtel – ein Material, das nicht nur Glanz verleiht, sondern auch Beständigkeit ausstrahlt. Dieser bewusste Bruch in der Materialität macht den Wandel sichtbar, ohne ihn aufzudrängen.

Raumgestaltung zwischen Intimität und Offenheit
Im neuen Bereich finden acht Tische Platz, entlang der Wände angeordnet und flexibel kombinierbar. Darüber schweben individuell einstellbare Pendelleuchten aus Messing, die nicht nur für Licht sorgen, sondern jeden Tisch wie ein kleines Zentrum inszenieren. Die Wände wurden mit warmem Nussbaumholz vertäfelt, was nicht nur für optische Kontinuität sorgt, sondern auch die Raumakustik deutlich verbessert.
Eine große Festverglasung zur Straßenseite hin öffnet den Raum nach außen und lässt ihn zugleich zur kleinen Bühne werden: Hier sollen wechselnde Kunstwerke gezeigt werden, ein subtiler Dialog zwischen dem Heute und dem Damals.

Architektur als Haltung
Hinter dem Projekt steht eine Philosophie, die nicht an der Oberfläche haltmacht. zerododici architecture, gegründet 2012 in Tokio, verfolgt das Ziel, asiatische und westliche Einflüsse zu einem neuen architektonischen Ausdruck zu verschmelzen. Was dabei zählt, ist nicht allein die Form, sondern der Mensch. Natürliche Materialien, Lichtführung und handwerkliche Präzision stehen im Vordergrund – Prinzipien, die im Traubenwirt greifbar werden.
Ein Ort mit Zukunft
Die Erweiterung zeigt, wie viel Wirkung auf kleiner Fläche entstehen kann: Gerade einmal 55 Quadratmeter misst der neue Raum, und doch entfaltet er eine erstaunliche Tiefe. Er ist Ausdruck eines Verständnisses von Architektur, das Raum nicht nur gestaltet, sondern erzählt. Und er ist ein Bekenntnis zum Ort, zur Geschichte und zu einem Miteinander, das nicht laut sein muss, um präsent zu sein.
Projekt
Entwurf: zerododici architecture (Architekt: Achim Reifer)
Fertigstellung: 2024
Ort: Brixen, Italien
Größe: ca. 55 m²
Fotos: Jürgen Eheim


