Im Mailänder Stadtentwicklungsgebiet CityLife entsteht mit „CityWave“ ein Büroensemble, das zwei asymmetrische Baukörper über eine groß gespannte Dachstruktur verbindet. Das Projekt der Bjarke Ingels Group (BIG) folgt dem Prinzip eines „horizontalen Hochhauses“: Nicht die Höhe, sondern die ausgreifende Geste prägt die Silhouette. Das geschwungene Canopy definiert den öffentlichen Raum darunter und nimmt zugleich Photovoltaik auf.
Für Tragwerksplanung und technische Koordination ist Holzner & Bertagnolli Engineering (HB) verantwortlich. Das Ingenieurbüro mit Sitz in Lana bei Meran und Standorten in Mailand, München und Trient arbeitet regelmäßig an anspruchsvollen Sonderkonstruktionen. Bei CityWave lag der Schwerpunkt auf der Tragstruktur des Canopys, der Integration der PV-Flächen sowie der Abstimmung der Lastabträge in die beiden Baukörper.

Im Gespräch erläutert Claudio Bertagnolli, wie sich architektonische Geometrie, Materialwahl und physikalische Randbedingungen in einem iterativen Prozess zusammenführen lassen.
INTERVIEW
Rolf Mauer: Das Canopy ist das architektonische Herzstück von CityWave – kein klassisches Dach, sondern ein Raumangebot, eine Geste, ein Zeichen. Wie lässt sich aus Ihrer Sicht die architektonische Bedeutung dieser Struktur beschreiben?
Claudio Bertagnolli: Das Canopy ist weit mehr als ein konstruktives Element. Es ist die städtebauliche Geste, die CityWave definiert und die beiden Baukörper zu einem Ensemble verbindet. Ohne diese Struktur wären RE und RD zwei isolierte Hochhäuser, die Skyline des CityLife-Areals wäre fragmentiert. Das Canopy schafft Raum, öffnet Perspektiven und verleiht dem Projekt seine Identität. Für uns Ingenieure bedeutete es eine völlig neue Dimension der Tragwerksplanung: eine freitragende Konstruktion aus Holz und Stahl mit enormer Spannweite, die zugleich architektonische Leichtigkeit und technische Präzision vereint. Hinzu kam die Integration einer großflächigen PV Anlage, die nicht nur gestalterisch, sondern auch funktional eine Schlüsselrolle spielt.

Rolf Mauer: Die Form des Dachs erinnert an eine Katenoide, eine Hängekurve – poetisch gesprochen eine Welle aus Holz und Stahl. Inwiefern war diese Geometrie architektonisch intendiert – und wo beginnt bei so viel Form der Widerstand der Physik?
Claudio Bertagnolli: Die geschwungene Form war von BIG bewusst gewählt, um Dynamik und Leichtigkeit zu inszenieren. Für uns begann die Herausforderung dort, wo die Physik Grenzen setzt. Bei Hängekonstruktionen definiert nicht das Tragwerk die Form, sondern die Last. In mehreren Iterationsschritten aus Lastverteilung und architektonischer Anpassungen konnte die Form, welche dem architektonischen Entwurf am gerechtesten war, gefunden werden. Die Kräfte, die eine solche Form erzeugen, sind komplex: nicht nur vertikale Lasten, sondern auch horizontale Zug- und Druckkräfte. Durch parametrische Berechnungen und Materialoptimierungen gelang es uns, die ursprüngliche Idee zu bewahren. Das Canopy sieht heute fast genauso aus wie im Entwurf, nur technisch perfektioniert, um den Kräften der Natur standzuhalten.

Rolf Mauer: Bjarke Ingels spricht gerne davon, Architektur als „begehbare Idee“ zu denken. Wie viel architektonische Idee steckt aus Ihrer Sicht im Tragwerk – und wie viel Tragwerk steckt umgekehrt in der Architektur dieses Projekts?
Claudio Bertagnolli: Die Form des Canopys war von Anfang an ein Entwurfselement, aber ohne ingenieurtechnische Lösungen wäre sie nicht realisierbar gewesen. Die Architektur dominiert die Vision – die Welle, die Offenheit, die Leichtigkeit stammen von BIG. Doch erst die Ingenieurtechnik macht sie möglich: durch mathematische Modelle, Materialoptimierung und Sicherheitskonzepte. Interessant ist, dass man während der Bauphase tatsächlich auf dem Canopy spazieren gehen konnte, tatsächlich eine „begehbare Idee“. Nach der Montage der Photovoltaikanlagen wird das nicht mehr möglich sein, aber die Idee der „begehbaren Architektur“ bleibt spürbar.
Rolf Mauer: Die offene Piazza unter dem Canopy ist mehr als ein Zwischenraum – sie ist sozialer Treffpunkt, klimatischer Puffer und optischer Durchbruch. Welche architektonischen Funktionen mussten Sie beim Entwurf des Tragwerks berücksichtigen?
Claudio Bertagnolli: Das Canopy ist ein hybrides Element: Schutzdach, öffentlicher Raum und Energiequelle zugleich. Es bietet Schatten im Sommer, Schutz vor Regen und schafft eine Piazza, die als sozialer Treffpunkt funktioniert. Hinzu kommt die nachhaltige Dimension: Das Dach trägt einen großflächigen Solarpark, der einen erheblichen Teil des Energiebedarfs deckt. Diese Anforderungen beeinflussten unsere Arbeit stark. Die Tragstruktur musste nicht nur Lasten aufnehmen, sie musste leicht, elegant und „ehrlich“ sein. Die Konstruktion ist damit Ausdruck einer neuen Typologie, in der Architektur und Technik untrennbar miteinander verschmelzen.
Rolf Mauer: Die beiden Gebäude RE und RD sind bewusst asymmetrisch angelegt – gestalterisch reizvoll, statisch herausfordernd. Wie beeinflusste diese architektonische Volumetrie Ihre Planung?
Claudio Bertagnolli: Die asymmetrische Volumetrie bedeutete für uns eine komplexe Schnittstellenplanung. Jedes Gebäude hat eigene Lastpfade, die mit dem Canopy harmonieren müssen. Die Kräfte aus der Dachkonstruktion mussten so in die Baukörper eingeleitet werden, dass die Statik beider Gebäude nicht beeinträchtigt wird. Präzision war hier entscheidend, denn die Architektur verlangte Offenheit und Transparenz, während die Statik Stabilität und Sicherheit garantieren musste.

Rolf Mauer: CityWave soll sich horizontal in die Stadtsilhouette einfügen, statt sie vertikal zu dominieren. Wie setzt sich dieser städtebauliche Ansatz konstruktiv fort – insbesondere im Hinblick auf Dimensionierung, Sichtachsen und Maßstab?
Claudio Bertagnolli: Die horizontale Ausrichtung erforderte große Spannweiten und filigrane Tragwerkslösungen. Wir mussten Transparenz und Sichtachsen bewahren, ohne die Stabilität zu gefährden. Das Tragwerk wurde so optimiert, dass es die Architektur unterstützt, ohne sie zu dominieren. Die Dimensionierung folgt dem Prinzip der Leichtigkeit, trotz enormer Kräfte wirkt die Konstruktion wie eine schwebende Linie im Stadtraum.
Rolf Mauer: Das Zusammenspiel von Fassaden, Tragwerk und PV-Modulen erzeugt eine fast textile Oberfläche. Wie haben Sie gemeinsam mit BIG und Faces diesen architektonischen Ausdruck mit technischen Mitteln greifbar gemacht?
Claudio Bertagnolli: Unsere Aufgabe war die technische Übersetzung der architektonischen Vision. Wir arbeiteten eng mit BIG und FACES zusammen, um Design und Technik zu vereinen. Die textile Wirkung entstand durch präzise Abstimmung von Material, Geometrie und Oberflächen. HB versteht sich als Partner, nicht als reiner Dienstleister. Wir bringen Ideen ein, suchen gemeinsam Lösungen und setzen auf digitale Werkzeuge wie BIM, um die Komplexität beherrschbar zu machen.
Rolf Mauer: Trotz seiner Größe wirkt das Canopy erstaunlich leicht und filigran. Welchen Beitrag leistet das Tragwerk zur architektonischen Illusion von Schwerelosigkeit?
Claudio Bertagnolli: Die Illusion entsteht durch optimierte Querschnitte, minimales Material bei maximaler Stabilität und verdeckte Anschlüsse. Technische Elemente sind unsichtbar integriert, sodass die Konstruktion wie eine schwebende Welle wirkt. Die Kombination von Holz und Stahl verleiht dem Bauwerk eine warme, natürliche Anmutung, die die Schwere des Bauwerks kaschiert.

Rolf Mauer: In CityWave verschmelzen Innen und Außen, Technik und Gestaltung, Form und Funktion. Wie gelingt es, in einem so komplexen Projekt die architektonische Lesbarkeit nicht zu verlieren?
Claudio Bertagnolli: Ausschlaggebend ist der kontinuierliche Austausch von Informationen. Wir müssen die Vorstellungen des Auftraggebers und des Architekten genau kennen und natürlich den städtebaulichen Kontext. Mit BIG hat das wunderbar funktioniert: klare Vision, offene Diskussionen und digitale Planungstools wie BIM als gemeinsame Plattform. So bleibt die architektonische Idee trotz technischer Komplexität lesbar.
Rolf Mauer: Rückblickend betrachtet: Welche architektonische Idee hinter CityWave hat Sie am meisten inspiriert – und wo sehen Sie das gestalterische Erbe dieses Projekts in künftigen urbanen Bauaufgaben?
Claudio Bertagnolli: CityWave ist ein Meilenstein. Erstmals wurde ein horizontales Hochhaus mit integriertem Solardach in dieser Dimension umgesetzt. Das Projekt zeigt, wie Architektur und Nachhaltigkeit verschmelzen können. Wir glauben, dass diese Verbindung von Design und Technik künftig Standard wird – und dass CityWave neue Maßstäbe für urbane Typologien setzt. Es ist ein Beispiel dafür, wie technische Innovation und architektonische Vision Hand in Hand gehen und wie diese Symbiose die Städte von morgen prägen wird.