Der neue Forschungsbau "Der Simulierte Mensch" in Berlin ist ein Gebäude für eine wissenschaftliche Aufgabe, die sich kaum noch in den klassischen Grenzen einzelner Disziplinen beschreiben lässt. Charité - Universitätsmedizin Berlin und Technische Universität Berlin bündeln hier Forschung an der Schnittstelle von Medizin, Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften. Im Zentrum stehen Modelle menschlicher Organfunktionen, entwickelt unter anderem mit 3D-Bioprinting und Multi-Organ-Chips. Ziel ist es, Krankheiten besser zu verstehen, neue Therapien zu entwickeln und Tierversuche zu reduzieren oder langfristig zu ersetzen.
Telluride Architektur hat für dieses Programm keinen neutralen Laborbehälter entworfen, sondern ein Gebäude, das die Zusammenarbeit räumlich ordnet. Der Entwurf übersetzt die wissenschaftliche Idee vernetzter Organfunktionen in eine Architektur aus Laboren, Büros, gemeinsam genutzten Technologieplattformen und öffentlichen Begegnungsräumen. Das Bild des Organismus, das die Architekten dem Projekt zugrunde legen, bleibt damit nicht nur Metapher. Es zeigt sich in der räumlichen Organisation des Hauses.
Forschung als räumliches Netzwerk
Der Si-M ist das erste Forschungsgebäude auf dem neuen Campus für Bio- und Medizintechnologie der Charité und der TU Berlin. Auf rund 7.000 Quadratmetern entstehen Arbeitsplätze für etwa 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beider Institutionen. Dass diese nicht nur nebeneinander, sondern in gemischten Teams arbeiten sollen, ist für die Architektur entscheidend. Der Bau muss Spezialisierung ermöglichen, zugleich aber kurze Wege und gemeinsame Arbeitsprozesse fördern.
Die offenen und flexibel nutzbaren Laborstrukturen reagieren auf diese Anforderung. Ergänzt werden sie durch gemeinsam genutzte Technologieplattformen und Begegnungsbereiche, die nicht als Restflächen behandelt werden, sondern Teil des wissenschaftlichen Betriebs sind. Der Forschungsbau wird damit selbst zu einem Werkzeug der Kooperation. Seine Aufgabe besteht nicht allein darin, technische Bedingungen für Labore zu erfüllen, sondern Begegnungen zwischen Disziplinen räumlich wahrscheinlicher zu machen.
Prof. Dr. Andreas Thiel, Mitgründer des "Simulierten Menschen" und Leiter der Arbeitsgruppe "Regenerative Immunologie und Altern" an der Charité, beschreibt den Si-M sinngemäß als Modell für eine neue Art von Forschungsbau. Der Satz ist dann überzeugend, wenn man ihn nicht als Behauptung, sondern als Hinweis auf die Grundrisslogik liest: Forschung wird hier nicht in abgeschlossenen Fachbereichen organisiert, sondern über gemeinsam genutzte Räume miteinander verknüpft.

Foto: Werner Huthmacher
Das Atrium als Mitte des Hauses
Im Inneren bildet ein rund 22 Meter hohes Atrium den architektonischen Mittelpunkt. Es verbindet die Geschosse visuell und räumlich und ordnet die verschiedenen Nutzungen um eine gemeinsame Mitte. Besonders deutlich wird diese Idee an der geschwungenen runden Treppe, die sich über alle Stockwerke zieht. Sie ist nicht nur Erschließung, sondern auch Zeichen des Hauses: Bewegung, Austausch und Orientierung werden in einem Bauteil gebündelt.
Die Innenarchitektur liegt hier weniger in dekorativer Ausstattung als in der Choreografie von Übergängen. Das Atrium führt öffentliche, halböffentliche und forschungsbezogene Bereiche zusammen, ohne ihre Unterschiede aufzulösen. Im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss sind öffentlich zugängliche Nutzungen angeordnet. Dazu gehören das Theatron, eine Cafeteria und Patientendienste. In den oberen Geschossen befinden sich Büros und Labore.
Damit erhält das Gebäude eine klare vertikale Abstufung. Unten öffnet es sich für Besucherinnen und Besucher, Patientinnen und Patienten sowie den Austausch zwischen Klinik und Forschung. Darüber liegen jene Bereiche, die stärker den wissenschaftlichen Arbeitsprozessen dienen. Die Offenheit ist also nicht beliebig, sondern präzise organisiert. Gerade das macht sie glaubwürdig.
Fassade aus Glasfaserbeton
Die Fassade besteht aus fünf verschiedenen Elementtypen aus Glasfaserbeton. Sie sind in unterschiedlichen Kombinationen über das Gebäude verteilt und reagieren auf programmatische, funktionale und umwelttechnische Anforderungen. Damit wird die Gebäudehülle nicht als gleichförmige Verpackung behandelt, sondern als differenziertes System.
Das passt zur Entwurfsidee des Hauses. Wenn die Funktionsbereiche im Inneren als miteinander vernetzte Zellen verstanden werden, bildet die Fassade die schützende äußere Schicht. Dieser Vergleich ist naheliegend, aber nicht überstrapaziert, solange er an konkreten Entscheidungen festgemacht wird: unterschiedliche Elemente, unterschiedliche Anforderungen, unterschiedliche Kombinationen. Die Fassade zeigt also nicht einfach ein Bild von Forschung, sondern folgt den Bedingungen des Gebäudes.
Gleichzeitig vermeidet der Bau damit die Anonymität vieler Laborgebäude. Forschungsarchitektur steht häufig vor dem Problem, dass ihre technischen Anforderungen die äußere Erscheinung dominieren. Beim Si-M wird diese technische Logik nicht versteckt, aber architektonisch geordnet. Die Fassade macht aus Anforderungen eine gestaltete Struktur.
Öffentlichkeit als Teil des Forschungsbaus
Für einen Forschungsbau ist der Si-M ungewöhnlich öffentlich angelegt. Erdgeschoss und erstes Obergeschoss sind zugänglich und enthalten Nutzungen, die den Austausch zwischen Wissenschaft, Klinik und Öffentlichkeit unterstützen. Das ist mehr als eine freundliche Geste am Eingang. Die Forschung im Si-M zielt auf die Übersetzung zwischen Labor und medizinischer Anwendung. Entsprechend braucht das Gebäude Räume, in denen diese Übersetzung sichtbar und nutzbar wird.
Joel Hahn, geschäftsführender Gesellschafter von Telluride Architektur, hebt in diesem Zusammenhang die Offenheit des Hauses und die Verbindung von Wissenschaft und Öffentlichkeit hervor. Entscheidend ist, dass diese Offenheit nicht nur über Glasflächen oder Eingangszonen behauptet wird. Sie ist im Raumprogramm verankert: Theatron, Cafeteria und Patientendienste liegen dort, wo sie tatsächlich erreichbar sind. Die Öffentlichkeit bleibt zugleich klar begrenzt, weil die Labore und Büros in den oberen Geschossen angeordnet sind.
Diese kontrollierte Durchlässigkeit ist eine Stärke des Entwurfs. Ein Forschungsbau kann nicht vollständig offen sein. Er braucht Sicherheitszonen, technische Infrastruktur und geschützte Arbeitsbereiche. Der Si-M versucht nicht, diese Bedingungen zu verschleiern. Er setzt ihnen eine räumliche Ordnung entgegen, in der Öffentlichkeit und Forschung auf nachvollziehbare Weise miteinander verbunden werden.
Nachhaltigkeit und Anpassungsfähigkeit
Der Neubau wurde nach Kriterien des energieeffizienten und ressourcenschonenden Bauens geplant und soll nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen zertifiziert werden. Für ein Laborgebäude ist das besonders relevant, weil diese Typologie hohe technische Anforderungen stellt. Nachhaltigkeit wird hier nicht nur über einzelne Bauteile oder Zertifikate bestimmt, sondern auch über die langfristige Nutzbarkeit des Hauses.
Flexible Laborstrukturen und gemeinsam nutzbare Plattformen sind in diesem Zusammenhang mehr als organisatorische Vorteile. Sie helfen, das Gebäude an veränderte Forschungsfragen, neue Geräte und andere Teamstrukturen anzupassen. Gerade in der Biomedizin und Medizintechnik ändern sich Arbeitsweisen schnell. Ein Forschungsbau, der darauf räumlich reagieren kann, altert langsamer.
Nach rund vierjähriger Planung und etwa vierjähriger Bauzeit wurde der Si-M am 22. April 2026 eröffnet. Telluride Architektur hat mit dem Neubau kein spektakuläres Symbolgebäude im einfachen Sinn geschaffen, sondern ein Haus, dessen architektonische Qualität aus der Organisation seines Programms entsteht. Die zentrale Frage lautet nicht, wie Forschung repräsentiert wird, sondern wie sie räumlich unterstützt werden kann.
"Der Simulierte Mensch" ist ein Forschungsbau, dessen Entwurf eng an seinem wissenschaftlichen Inhalt arbeitet. Die Analogie zum Organismus bleibt nicht auf der Ebene des Bildes stehen, sondern prägt die Anordnung von Laboren, Technologieplattformen, Begegnungsräumen, öffentlichem Sockel und Fassade. Besonders das Atrium mit der über alle Geschosse geführten Treppe formuliert eine gemeinsame Mitte für ein Haus, das auf Austausch angewiesen ist.
Die Stärke des Projekts liegt in seiner kontrollierten Offenheit. Es macht Forschung zugänglich, ohne die notwendigen Grenzen eines Laborgebäudes zu leugnen. Es bietet Öffentlichkeit, ohne daraus eine bloße Geste zu machen. Und es zeigt, dass Innenarchitektur im Forschungsbau nicht erst bei Möbeln oder Oberflächen beginnt, sondern bei der Frage, wie Menschen, Disziplinen und Wege zueinander in Beziehung gesetzt werden.