06
Dez

Interview mit Christiane Müller, Designchefin bei Vescom

Menschen

christiane mueller vescom 06Christiane Müller, geboren 1965 in Hamburg, gestaltet Oberflächenmaterialien und Textilien. Nach ihrem Studienabschluss an der Design Academy in Eindhoven (Niederlande) war sie Mitbegründerin des Studio MüllerVanTol für Industrie- und Interieurdesign in Amsterdam. 2001 begann Christiane Müller freiberuflich als Art Direktorin für die Vescom-Gruppe zu arbeiten. Seit November 2015 ist sie als Designchefin verantwortlich für die Produktentwicklung bei Vescom.

Interview

Rolf Mauer: Frau Müller, Vescom entwickelt, fertigt und vertreibt Wandbekleidung, Möbelbezugsstoffe und Dekorationsstoffe für den internationalen Objektmarkt. Welche Material- und Oberflächentrends beobachten Sie zur Zeit? Welche Farben, Muster, Strukturen werden aktuell nachgefragt?

Christiane Müller: Mit dem Begriff „Trend” stehe ich ein wenig auf Kriegsfuß. Ein Trend impliziert Kurzlebigkeit und wir wollen keine Kurzlebigkeit vermitteln, wir schaffen Langlebigkeit. Unsere Wandbekleidungen und Textilien werden ja gerade deshalb im Objektmarkt so stark nachgefragt, weil sie extrem langlebig sind. Statt uns an Trends zu orientieren, stellen wir die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt, der sich im entsprechenden Raum aufhält. Dafür erhalten wir von den Architekten, mit denen wir in ständigem Dialog stehen, die entsprechenden Impulse. Sie statten Räume für Menschen aus und der Mensch soll sich darin wohlfühlen. Komfort und Wohlbefinden ist für uns das zentrale Thema, um das sich alles dreht. Vor allem auf die drei menschlichen Sinne Hören, Fühlen und Sehen können wir mit unseren Materialien enorm viel Einfluss nehmen. Wir können zum Beispiel die Akustik eines Raumes verbessern, angenehmen, weichen Sitzkomfort schaffen oder den Raum beliebig verdunkeln.

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Farben, Muster und Strukturen spielen natürlich eine große Rolle. Wir beobachten beispielsweise schon seit Jahren den Einfluss der Natur auf die Gestaltungskonzepte der Architekten. Wir wissen von der positiven Wirkung und der heilenden Funktion der Elemente. Die Beziehung zur Natur lässt sich wunderbar in Farben und Materialien ausdrücken: Neben Erdtönen sind ausdrucksvolle Farben wie Smaragdgrün-, Aqua- und warme Honigtöne, aber auch Kupfer- und Karamell-Farben immer mehr im Kommen. Sie eignen sich hervorragend, um Akzente zu setzen. Ansonsten werden auch vermehrt pastellige, helle Farben für ein freundliches und postitives Raumgefühl nachgefragt.

Rolf Mauer: Was müssen Tapeten, Vorhang- und Möbelstoffe heute können? Wie wichtig sind akustische Anforderungen oder Belange des Brandschutzes?

Christiane Müller: Die technischen Anforderungen spielen gerade für den Objektmarkt eine große Rolle. Akustik ist schon seit Jahren ein wichtiges Thema bei Vescom und dass unsere Produkte beste Brandschutzeigenschaften haben – sprich schwer entflammbar sind – versteht sich von selbst. Was für uns aber genauso wichtig ist, sind Faktoren wie Pillling, Lichtechtheit, ein hoher Martindale-Wert und Nahtschiebefestigkeit. Gerade die Möbelstoffe sind hohen mechanischen Belastungen ausgesetzt und müssen äußerst verschleißfest sein. Darüber hinaus müssen die Produkte eine hohe Pflegebeständigkeit haben und leicht zu reinigen sein. Als Produzent setzen wir uns selbst hohe Maßstäbe und stehen voll und ganz hinter unseren Produkten. Wir können zurecht sagen, dass bei uns Funktion und Ästhetik Hand in Hand gehen.

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Rolf Mauer: Arbeiten Sie häufig mit Architekten und Innenarchitekten zusammen?

Christiane Müller: Nicht in dem Sinne, dass Architekten Designs für Vescom entwerfen. Wir orientieren uns am Bedarf der Architekten und stehen in direktem Austausch mit ihnen. Die Architekten vertrauen darauf, dass wir gute Qualität liefern. Wir arbeiten mit eigenen Design-Teams und Technikern in unseren eigenen Produktionsstätten und Webereien in Holland, den USA und in Deutschland. Mit deren Know-how können wir eine homogene Kollektion anbieten, die international sehr gut ankommt. Unsere Produkte laden dazu ein, sie zu kombinieren. Materialien, Strukturen und Farben passen perfekt zusammen. Der Architekt kann sich für sein Raumkonzept aus der Kollektion wie aus einer „Tool Box“ bedienen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Zusammenarbeit ist die individuelle Anfertigung nach Kundenwünschen. Häufig kontaktieren uns Architekten, die spezielle Vorgaben ihrer Kunden hinsichtlich des Corporate Design haben. Das kann zum Beispiel eine ganz spezielle Farbe sein, die für die Raumgestaltung wichtig ist. Hierfür haben wir unsere Fachleute im Labor, die Farbtöne nach speziellem Bedarf herstellen. Außerdem besteht die Möglichkeit, Kundenlogos und andere kundenspezifische Motive per Digitalprint auf unsere Vinyl-Wandbekleidungen zu drucken.

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Rolf Mauer: Welche Rolle spielen Bauherren und Architekten bei der Produktentwicklung?

Christiane Müller: Eine sehr große Rolle: Wir sehen uns nicht als Lieferant, sondern als Partner der Architekten und damit auch der Bauherren. Zum Gedankenaustausch laden wir Architekten sehr gerne zu Workshops und Seminaren ein, nicht zu vergessen zu unserer jährlichen „Dutch Design Tour“, die sich an Architekten und Designer richtet. Bei diesen Veranstaltungen gibt es viel Raum für inspirierende Gespräche und so manche Anregung, die wir so erhalten, fließt in unsere kreativen Prozesse ein.

Rolf Mauer: Wie ist Ihre Herangehensweise an eine Designaufgabe? Wie sieht der kreative Prozess aus?

Christiane Müller: Zuerst einmal: Die Vorschriften und Richtlinien für den Objektbereich werden immer strenger. Es ist daher enorm wichtig, dass unsere Entwicklungsteams nicht nur aus Designern, sondern auch aus Technikern und Chemikern bestehen, die gemeinsam die innovativen Prozesse steuern.

Ansonsten formen viele Komponenten den kreativen Prozess. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wie können unsere Materialien einen positiven Beitrag für ein gelungenes Interieur liefern? Hierfür betrachte ich sehr genau die einzelnen Bereiche Hotellerie, Büro, Bildungseinrichtungen und Gesundheitswesen. Welche Ansprüche hat der Reisende an die Hotel-Umgebung? Wie kann ich flexibles Arbeiten in offenen Räumen angenehmer machen? Welche Farben und Materialien sind für den Pflegebereich geeignet? Das ist ein konstanter Prozess, der mich zur nächsten Frage führt: Wie passt eine neue Idee, eine neue Entwicklung zu unserer „Vescom-Handschrift“, also zu unserer Kollektion? Ganz wichtig ist auch die Intuition: bei allem, was ich tue, wo ich mich gerade aufhalte, versuche ich, Eindrücke zu sammeln.

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Rolf Mauer: Wie wird sich das Design bei Wandbekleidung, Möbelbezugsstoffen und Dekorationsstoffen in der nahen Zukunft ändern? Was erwarten Sie?

Christiane Müller: Ein Bereich, der weiter sehr stark wachsen wird, ist der individuelle Digitaldruck. Damit lassen sich die Wände mit eigenen Mustern, Grafiken oder Fotos gestalten – das ideale Medium für Storytelling.

Außerdem wird die Kombination von Funktionalität und Ästhetik immer wichtiger. Auch Nachhaltigkeit ist ein sehr großes Thema, mit dem wir uns beschäftigen. Neue Produkte werden in Zukunft immer mehr einen „Problemlösungscharakter“ haben. Wir als Designer werden uns beim Kreationsprozess zunehmend fragen: Was brauchen wir überhaupt? Was macht Sinn? Ich bin überzeugt davon, dass sich die Menschen in den heutigen Zeiten der Reizüberflutung aufrichtige Materialien, Qualität und Nachhaltigkeit wünschen.

Rolf Mauer: Vielen Dank für das Gespräch.

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