Die Bauwirtschaft taumelt. Auftragsrückgänge, Insolvenzen, Planungsabbrüche: Was einst als Stützpfeiler der deutschen Konjunktur galt, ist längst selbst zum Sorgenkind geworden. Wer in diesen Tagen auf Baustellen unterwegs ist oder Bauprojekte verantwortet, dem weht ein kalter Wind aus Unsicherheit und juristischem Neuland entgegen. Genau hier setzt das neue Werk von Andreas Koenen an: Mit dem "Handbuch Bauinsolvenz" liefert der erfahrene Baurechtsexperte ein in dieser Form bislang fehlendes Kompendium zur rechtlichen Krisenbewältigung auf dem Bau.
Koenens Buch, erschienen im Werner Verlag (Wolters Kluwer), erhebt nicht den Anspruch, ein weiteres juristisches Fachbuch zu sein. Vielmehr richtet es sich an alle, die konkret mit der Pleite eines Vertragspartners konfrontiert sind: Bauherren, Unternehmer, Planer, Generalunternehmer, Rechtsanwälte. Die zentrale Frage lautet: Was tun, wenn der andere Vertragspartner zahlungsunfähig wird?

Juristische Klarheit statt Fachchinesisch
Was dieses Handbuch von vielen trockenen Vorgängern unterscheidet, ist der Stil. Koenen verzichtet auf elfenbeinturmartige Dogmatik und wählt stattdessen den Weg über konkrete Fallkonstellationen. Seine Sprache bleibt nah an der Praxis, ohne dabei auf juristische Tiefe zu verzichten. Die Leser werden nicht mit Paragraphen erschlagen, sondern durch realitätsnahe Beispiele an die komplexen Mechanismen zwischen Bauvertragen, Sicherheiten und Gläubigerrechten herangeführt.
Dass der Autor weiß, wovon er spricht, wird auf jeder Seite deutlich. Seit einem Vierteljahrhundert ist Koenen als Rechtsanwalt tätig, hat eine auf Baurecht spezialisierte Kanzlei gegründet, lehrt an Hochschulen und gilt als gefragter Kopf im Netzwerk der deutschen Baujuristerei. Umso erfreulicher, dass er mit diesem Buch nicht nur für Fachkreise, sondern bewusst auch für Praktiker schreibt.
Ein Werk zur rechten Zeit
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Insolvenzen im Baugewerbe sind auf Rekordniveau. In Niedersachsen etwa stieg die Zahl der Pleiten allein im ersten Halbjahr 2024 um mehr als 50 Prozent. Ursachen gibt es zuhauf: gestiegene Baukosten, Zinsen, Lieferprobleme, dazu die generelle Unsicherheit am Immobilienmarkt. Eine Branche, die jahrzehntelang als sicherer Hafen galt, ist heute selbst ein Risikofaktor.
Koenen blickt dabei nicht nur auf die Gegenwart. Er verortet das Bauinsolvenzrecht historisch, erklärt die Entwicklung der VOB/B-Klauseln und zeigt, wie sich Rechtsprechung und Gesetzgebung gegenseitig beeinflussen. Besonders die BGH-Entscheidung vom April 2002 wird als Wendepunkt in der baujuristischen Landschaft herausgearbeitet – ein Urteil, das das Bauvertragsrecht nachhaltig veränderte und letztlich zur Etablierung des eigenständigen Rechtsgebiets "Bauinsolvenzrecht" führte.
Praktische Hilfe in der Krise
Der Aufbau des Handbuchs folgt einer klaren Logik: Nach einer Einführung in Begrifflichkeiten und Rechtsgeschichte geht es um die verschiedenen Krisenphasen und Handlungsspielräume der Beteiligten. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Frage, wie Auftraggeber oder Auftragnehmer ihre Rechte sichern und wirtschaftlich tragbare Entscheidungen treffen können.
Koenen spart nicht mit Kritik an gesetzlichen Leerstellen. So gebe es bis heute keine klare gesetzliche Regelung für eine insolvenzbedingte Vertragskündigung. Auftraggeber müssten sich daher oft auf riskante juristische Konstruktionen einlassen, deren Erfolg ungewiss sei. Das Buch benennt diese Schwachstellen offen, ohne dabei ins Lamentieren zu verfallen.
Ein besonderes Augenmerk legt Koenen auf die Rolle von Generalunternehmern und Bauträgern. Auch hier bietet das Werk praxisnahe Hinweise, wie Verträge rechtssicher gestaltet und Insolvenzrisiken minimiert werden können. Es geht nicht darum, die Insolvenz zu verhindern – sondern darum, vorbereitet zu sein, wenn sie kommt.
Fazit: Pflichtlektüre mit Augenmaß
"Handbuch Bauinsolvenz" ist kein Ratgeber für den Nachttisch, sondern ein solides Arbeitsinstrument für den beruflichen Alltag. Es vermittelt nicht nur juristisches Wissen, sondern auch das nötige Rüstzeug, um in stürmischen Zeiten auf Kurs zu bleiben. Wer mit Bauprojekten zu tun hat und die Zeichen der Zeit erkennt, kommt an diesem Buch kaum vorbei.

Prof. Dr. Koenen ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht sowie Fachanwalt für Verwaltungsrecht. In der 2004 durch ihn gegründeten Kanzlei KOENEN BAUANWÄLTE denkt er die Branche neu und setzt agiles Projektmanagement an allen Standorten um. Der Kanzleigründer blickt inzwischen auf eine 25-jährige Berufserfahrung zurück. Seit 2006 agiert er als Lehrbeauftragter für Privates Baurecht an der Philipps-Universität in Marburg.