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Apr

Wohnflächen statt Büroflächen

Projekte (d)

Um an Standorten, die scheinbar nur für Büroflächen geeignet sind, attraktiven Wohnraum zu schaffen, bedarf es besonderer Konzepte. Ein solches hat das Stuttgarter Architekturbüro Frank Ludwig für die Stuttgarter Olgastraße 87 entworfen: An der belebten innerstädtischen Straße im Zentrum der Schwabenmetropole ist ein Wohnhaus entstanden, das architektonischen Anspruch mit Identifikationspotenzial und hoher Wohnqualität kombiniert.

Auf dem Grundstück stand ursprünglich ein Verlagsgebäude, so dass sich die Überlegungen der Investoren zunächst alle um einen Bürokomplex drehten, keiner dachte seinerzeit an ein Wohngebäude. Einzig die Nord-Süd Kommunal- und Gewerbebau GmbH zog dies in Erwägung und fragte beim Architekturbüro Frank Ludwig an, ob sie für diese Straßenecke ein Konzept für ein Wohnhaus entwickeln könnten. Die Architekten haben sich dann entschlossen, aus dem Problem eine Tugend zu machen: Sie wollten ganz bewusst den Stadtraum, der an dieser Stelle durchaus laut und feinstaubbelastet ist, nicht aussperren, wie es viele Entwürfe mit kleinen Fenstern zur Straße hin tun. Ganz im Gegenteil, der Wohnraum sollte zum Stadtraum hin geöffnet werden über komplette Verglasungen und einen ebenfalls verglasten Puffer, der Lärm und Staub außen vorlässt. So gelang es, das Wohnen in der immer mehr gefragten Stadtatmosphäre erlebbar werden zu lassen.

Die Idee bestand darin, die Fassade in zwei Ebenen umzusetzen: Der klassischen Hausebene wird mit ca. 1,50 m Abstand eine Glasfront vorgesetzt – dazwischen befinden sich durchgehende Balkone. So entstand zum einen eine optisch homogene Fassadenfläche, die nicht durch Einzelbalkone oder eine kleinteilige Fensterstruktur unterbrochen wird. Zum anderen bildet sich so eine Pufferzone, die es ermöglicht in den Straßenraum hinein zu leben, gleichzeitig aber auch Schutz vor Lärm und Feinstaub bietet sowie Rückzugsmöglichkeiten. Die äußere Front ist als vorgeschaltete Einscheibenverglasung ausgeführt, die geschossweise durch horizontal laufende Metalllamellen verbunden ist. Sie lässt sich mit großzügigen Schiebeelementen weit öffnen. Die Balkone selbst sind nur 1,50 m tief, aber da sich auch die großen Fensterflächen zum Wohnraum hin öffnen lassen, kann der gesamte Raum zum Balkon werden.

In der gläsernen Gebäudehülle konnte auf Stützen und Profile vollständig verzichtet werden, da sie keine tragende Funktion erfüllt. So ergibt sich die klare Optik der Fassade, die horizontal betont wird durch Lamellenbänder, die sich zwischen den Wohnebenen befinden. Diese übernehmen zugleich die natürliche Belüftung. Da die kupferfarbenen Aluminiumbänder fast wie Holz anmuten, setzen sie zudem einen wohnlichen Akzent. Große, unregelmäßig aufgesetzte weiße Rahmen verleihen dem Haus eine Dynamik, die man aus der Ferne als Bewegung wahrnimmt. Das Muster lässt die Architektur lebendig wirken und bestimmt deren unverkennbare Identität. Die weißen Rahmen werden erzeugt durch eine leicht transparente Struktur, die aufs Glas gedruckt ist.

Eine dezente Eckbetonung ergibt sich durch die über Eck durchlaufende Glasfassade. Zur Olgastraße hin hat sie zudem einen leichten Knick, die unterschiedliche Lichtbrechung und Spiegelung setzt einen charmanten Akzent in der Gebäudefront. Um das Fassadenbild nicht zu stören, wurde auf einen äußeren Sonnenschutz verzichtet, die Rollläden sind an der inneren, tragenden Fassade angebracht. Mit der Doppelfassade hat das Architekturbüro Frank Ludwig zudem einen effektiven klimatischen Puffer entworfen: So heizt sich das Haus im Sommer weniger auf, im Winter bietet er zusätzlichen Kälteschutz.

Insgesamt 34 Wohnungen mit individuellen Grundrissen sind in dem 6-geschossigen Wohn- und Geschäftshaus entstanden. Die Wohnfläche beträgt in Summe 3.960 m2, die einzelnen Wohnungen variieren von 2 bis 6 Zimmern mit 50 bis über 200 m². Manche öffnen sich nur zur Straße, andere orientieren sich sowohl zur Straße als auch rückwärtig zum ruhigen Innenhof hin. Es ergeben sich individuelle Grundrisse für ein vielfältiges Angebot für urbanes Wohnen bzw. Lebensentwürfe. Das Erd- und das Dachgeschoss sind jeweils leicht zurückversetzt, dadurch erscheint das doch recht große Gebäude leicht, beinahe schwebend. Zudem spielt die Dreiteilung mit Sockel, Mittelteil und Obergeschoss auf den klassischen Aufbau alter Gründerzeithäuser an. Im Erdgeschoss ist eine kleine Gewerbefläche entstanden. Komplex war das Thema Parken: Gerade beim innerstädtischen Bauen mit kleinen Grundstücken ist es eine Herausforderung, die beste technische Lösung zu finden. Die Olgastraße 87 besitzt heute 41 Stellplätze auf zwei Ebenen mit den jeweiligen Tiefgarageneinfahrten.



Eine weitere Herausforderung stellte die Hanglage dar: Hinter dem Grundstück stützt heute eine massive, 15 Meter hohe Wand den Hang statisch ab. Die nächsten Häuser setzen dann entsprechend mehr als 15 Meter höher dahinter an, fast schon auf Höhe der Dachterrasse. Mit einer begrünten Wand wurde zum einen der Hang stabilisiert, andererseits ergibt sich dadurch nach hinten hinaus eine eher introvertierte Lage als Kontrast zur extrovertierten Vorderfront. Von der ersten Entwurfsskizze an hat das Architekturbüro Frank Ludwig Fachplaner hinsichtlich Statik und Geologie einbezogen. Entscheidend war zudem die konstruktive Zusammenarbeit der Architekten mit der Stadtverwaltung und dem Investor. Die Abstimmung mit den städtischen Gremien lief reibungslos aufgrund der hohen städtebaulichen und gestalterischen Qualität des Gebäudes.

Die wenigsten möchten heute noch in ein 08/15 Gebäude einziehen, es ist wichtig, dass die Bewohner sich mit ihrem Haus identifizieren können, es sollte optisch ein »gewisses Etwas« haben. Genau das versucht das Architekturbüro Frank Ludwig in allen seinen Entwürfen zu berücksichtigen, ungeachtet vom Preisniveau. Mit dem Konzept zur Olgastraße ist das definitiv gelungen, den größten Zuspruch gab es übrigens für die Wohnungen am markanten Eck, die über zwei Seiten verglast sind. Die Idee mit der mutigen Öffnung zur Straße hin ist also sehr gut angekommen. Mit dem Entschluss, in der eher untypischen Lage ein Wohnhaus zu errichten, ist der Bauträger absolut zufrieden, ein Großteil der Wohnungen konnte aufgrund der hohen Qualität und des gestalterischen Anspruchs schon vor Baubeginn verkauft werden.

Bautafel Olgastraße
Innerstädtisches Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage Stuttgart
Adresse Olgastraße 87, Stuttgart
Architekt Architekturbüro Frank Ludwig, www.ab-ludwig.de, verantwortlich für die LP 1-5
Bauherr NORD-SÜD Kommunal- u. Gewerbebau GmbH
Wohnfläche ca. 3.960 m²
Gewerbe ca. 400 m²
Bruttorauminhalt ca. 24.700 m³
Anzahl Wohnungen 34


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Zwei rampenartige, überdurchschnittlich groß dimensionierte geschwungene Treppenaufgänge erschließen die drei Geschosse vom Erdgeschoss bis zur erhaben Bibliothek. Foto: Reflexion AG

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Die Fassade des Hochhauses ist über feine Lisenen vertikal gegliedert.

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Ausgezeichneter Brandschutz komplett: alle Bauteile des SitaFireguards, hier z. B. für die Freispiegelentwässerung.

Unternehmen

Bild 1: In Versuchsreihen mit Glasfliesen konnte das Österreichische Forschungsinstitut in Wien nachweisen, dass unter Fliesen eingedrungenes Wasser weder in Richtung eines Gefälles abfließt, noch sich über eine zweite Entwässerungsebene entsorgen lässt. Bild: OFI

Fachartikel

Bild: Lignotrend / Foto: Foto&Design, Waldshut-Tiengen

Hochbau

Putzoberfläche an historischem Gebäude. Foto: Architekturzeitung

Wärmedämmung

Einsatz von Vakuum-Isolierglas im Neubau. Quelle: Schwarz Architekten/GlassX

Fachartikel

Die kleinen Keramikelemente sind auch aus größerer Entfernung anhand der flirrenden Spiegelungen erkennbar. Bildquelle: AGROB BUCHTAL GmbH / Jochen Stüber, Hamburg

Fassade

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